Keynote · Österreichische Statistiktage 2026 · Wien
Disclosure scenarios, attacker cost, and agentic AI.
Offenlegungsszenarien, Angreiferkosten und agentische KI
Matthias Templ
FHNW School of Business, Institute for Competitiveness and Communication, Olten
SwissAnon – Swiss Data Anonymization Center
9. September 2026 · Session 3 · Statistik Austria, Guglgasse 13
Vorab ein Dank
Der KI-Angreifer ist Teamarbeit
Oscar Thees
FHNW, Olten · Erstautor der Studie
Roman Müller
FHNW, Olten · Erstautor der Studie
Den Angreifer mit agentischer KI haben wir gemeinsam
gebaut und getestet: ein Team von KI-Agenten, das Bewegungsspuren nur mit
öffentlichen Quellen einem Namen zuordnet. Oscar Thees und Roman Müller sind
die Erstautoren der Studie, zu gleichen Teilen.
Was Sie heute über KI als Angreifer sehen, ist
unsere gemeinsame Forschung. Herzlichen Dank, Oscar und Roman.
Thees, Müller & Templ (2026): Agentic AI-powered re-identification.
Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS · arXiv:2606.27936 · Thees und
Müller mit gleichem Beitrag · gefördert vom SNF, Projekt 211751
Zum Einstieg
Wer steht hier vorne?
Hinweis 1
Geboren in ?
Hinweis 2
Doktorat und Habilitation an ?
Hinweis 3
Beratung und Lehre in ?
Hinweis 4
Arbeitet heute in ?
Vier Merkmale, kein Name.
Raten Sie mit.
Aufgelöst
Wer steht hier vorne?
Hinweis 1
Geboren in SteyrOberösterreich.
Hinweis 2
Doktorat und Habilitation an der TU Wien.
Hinweis 3
Beratung und Lehre in Olomouc.
Hinweis 4
Arbeitet heute in Olten.
Vier Merkmale. Kein Name.
Und Sie wissen, wer hier steht.
Teil 1
Offenlegungsszenarien.
Was ein Angreifer weiss, was er dazulernt – und warum ohne Szenario
keine Risikozahl existiert.
Was gerade passiert ist
Verknüpfung: wie aus vier Merkmalen ein Name wird
Freigegebener Datensatz
Geburtsort
Hochschule
Beruf
Wert
Wien
Uni Wien
Lehre
…
Linz
TU Wien
Professur
190 360
Graz
TU Graz
Verwaltung
…
Salzburg
PLUS
Forschung
…
Keine Namen. Keine Adressen. Keine Sozialversicherungsnummern.
Wissen im Saal
Linz · TU Wien · Professur ·
Name
Drei Merkmale aus dem Datensatz –
plus der Name, der dort fehlt.
Genau eine Zeile passt
Damit ist nicht nur die Person bekannt, sondern
auch alles andere in dieser Zeile.
Quasi-Identifikator
Merkmal, das für sich harmlos ist –
in Kombination aber eindeutig.
Schlüssel
Die Merkmalskombination, über die
verknüpft wird.
Äquivalenzklasse
Alle Zeilen mit demselben Schlüssel; ihre
Grösse ist die Schlüsselhäufigkeit, hier 1. Gilt das auch in
der Bevölkerung? Die nächste Frage.
Das Lehrbuchbeispiel
Zwei Tabellen, eine Verknüpfung
Öffentliches Verzeichnis
Name
Gemeinde
Beruf
Geschl.
Max Muster
Stadel
Professor
M
Anna Bei
Stadel
Ärztin
W
Urs Frei
Zürich
Professor
M
Anonymisierte Erhebung
Gemeinde
Beruf
Geschl.
Häufigkeit
Einkommen
Stadel
Professor
M
1
176 456
Zürich
Professor
M
18
…
Schlüsselhäufigkeit 1 gegen 18.
Häufigkeit 1
Ein eindeutiger Treffer. Das Einkommen ist offengelegt.
Häufigkeit 18
Kein eindeutiger Treffer: 18 Personen teilen
diese Kombination.
Nach Templ (2017): Statistical Disclosure Control for Microdata,
Springer, Kap. 3
Der Klassiker
20 Dollar für ein Wählerverzeichnis
Massachusetts gab in den 1990er-Jahren Krankenversicherungsdaten der
öffentlich Bediensteten zu Forschungszwecken frei –
ohne Namen und Adressen.
Latanya Sweeney kaufte für rund
20 $ das Wählerverzeichnis von Cambridge.
Gemeinsame Merkmale: Postleitzahl,
Geburtsdatum, Geschlecht. Damit fand sie die Krankenakte des
amtierenden Gouverneurs – und schickte sie ihm zu.
William Weld, 1991–1997 Gouverneur von Massachusetts
– der Patient in Sweeneys Beispiel.
Und in der Bevölkerung?
Postleitzahl, Geburtsdatum und Geschlecht machen einen Grossteil der
US-Bevölkerung eindeutig.
Sweeney (2000) rechnet 87 %, eine Nachrechnung
auf Zensusdaten (Golle 2006) 61 bis 63 %.
Die Grössenordnung ist unbestritten, die exakte Zahl nicht.
Daten ohne Namen sind
noch keine anonymen Daten.
Sweeney (2000): Simple demographics often identify people uniquely ·
Golle (2006), WPES · Sweeney (2002): k-Anonymity
Die Taxonomie
Vier Arten der Offenlegung
Person
Alter
Geschlecht
Region
Lernstörung
Prüfungsangst
P1
10–19
weiblich
Huntington
nein
9
P5
30–39
männlich
Edmond
ja
5
P6
30–39
männlich
Alkol
ja
3
P7
50–59
weiblich
Jesse
nein
2
P8
50–59
weiblich
Jesse
ja
3
Identität
«Sally, 18, weiblich, hat
teilgenommen.»
Genau eine Zeile passt – alle ihre Antworten sind bekannt.
Attribut
«Tom, 34, männlich.»
P5 oder P6 – welche Zeile er ist, bleibt unbestimmt. Beide tragen
denselben Wert, damit ist sein Merkmal offengelegt.
Mitgliedschaft
«Ist Nicole überhaupt in der
Erhebung?»
Sensibel, wenn schon die Teilnahme etwas verrät, etwa bei einer
Klinikstichprobe. Aus drei Zeilen folgt ihre Teilnahme erst, wenn in der
Bevölkerung niemand sonst passt.
Inferenz
«Alter und Geschlecht sagen
Prüfungsangst voraus.»
Das Modell trifft Aussagen über Personen, die
gar nicht in den Daten sind.
Nach Domingo-Ferrer & Torra (2008) und der Illustration aus
Templ et al., Anonymization in Psychology
Wer ist eigentlich der Angreifer?
Ohne Szenario keine Risikozahl
Der neugierige Nachbar
Kennt eine Person und ihre Merkmale. Sucht deren Zeile.
Wenig Wissen, hohe Motivation.
Das typische Szenario für offene Daten.
Das Archiv
Verfügt über eine ganze externe Datei und sucht
systematisch nach Treffern.
Viel Wissen, viele Ziele.
Das Szenario für Register und kommerzielle Datensätze.
Die Differenz
Stellt einem Abfragesystem zwei fast identische Fragen und liest die
Antwort aus der Differenz.
Das Szenario für Tabellen und
Auswertungsdienste.
Jede Risikozahl ist eine bedingte
Grösse: bedingt auf das Wissen, das man dem Angreifer unterstellt.
Bleibt diese Bedingung ungenannt, ist die Zahl weder vergleichbar noch
nachprüfbar.
Die naheliegende Antwort – und ihre zwei Lücken
Wenn k-Anonymität nicht genügt
Alter
Geschlecht
PLZ
Diagnose
30–39
männlich
405**
Grippe
30–39
männlich
405**
Bruch
30–39
männlich
405**
Grippe
50–59
weiblich
412**
Krebs
50–59
weiblich
412**
Krebs
50–59
weiblich
412**
Krebs
Jede Kombination dreimal: k = 3 ist erfüllt.
k-Anonymität: jede
Äquivalenzklasse mindestens k Zeilen. Wirksam gegen
Identitätsoffenlegung.
Lücke 1 · Homogenität
Wer weiss, dass eine 55-jährige Frau in der
unteren Klasse steht, kennt die Diagnose.
Setzt
Teilnahmewissen voraus: bei einer Vollerhebung geschenkt, bei einer
Stichprobe nicht. l-Diversität verlangt Vielfalt im sensiblen
Merkmal.
Lücke 2 · Stichprobe ≠ Bevölkerung
Einmal in der Stichprobe, Gewicht 100:
hundert Kandidaten. Gewicht 1: auch im Land einzigartig.
Summe der Einzelrisiken =
erwartete Zahl korrekt zugeordneter Zeilen – gleich sehen Sie
sie fallen.
Belastbar nur, wenn die
Schlüsselvariablen im Stichprobendesign vorkommen – sonst modelliert man
sie (Benedetti & Franconi 1998).
Sweeney (2002) · Machanavajjhala et al. (2007) für
l-Diversität · Benedetti & Franconi (1998)
Die stille Annahme
Jedes Szenario hat einen Preis
«So viel Aufwand betreibt
doch niemand.»
Auf diesem Satz ruht die Praxis der
Datenfreigabe. Er heisst faktische Anonymität – und er
ist eine ökonomische Behauptung, keine mathematische.
DSGVO, Erwägungsgrund 26
Massgeblich sind alle Mittel, deren Einsatz
nach allgemeinem Ermessen wahrscheinlich ist –
Kosten und Zeit eingerechnet.
§ 16 Abs. 6 BStatG, Deutschland
Faktisch anonym sind Angaben, die nur «mit
unverhältnismässig grossem Aufwand an Zeit, Kosten und
Arbeitskraft» zuzuordnen sind.
Beide Texte binden den Schutz an Zeit und Kosten. Gemessen hat ihn
bisher niemand. Wir kommen darauf zurück – im letzten
Teil, mit Zahlen. Vorher: woran messen wir das Ergebnis?
DSGVO, Erwägungsgrund 26 · § 16 Abs. 6 BStatG
(D) · ausbuchstabiert in Ronning et al. (2005), Statistisches Bundesamt
Teil 2
Risiko und Nutzen.
Je eine Zahl für Risiko und Nutzen genügt nicht.
Der Klassiker der Abwägung
Die Risiko-Nutzen-Karte
Vier Felder
Oben rechts: brauchbar, aber zu riskant.
Unten links: sicher, aber wertlos.
Oben links: das Schlimmste aus beidem. Unten rechts: das Ziel.
Anonymisierung ist eine
Bewegung auf dieser Karte: vom Original nach links unten – so weit wie
nötig, so wenig wie möglich.
Duncan, G. T., Keller-McNulty, S. A., Stokes, S. L. (2001):
Disclosure risk vs data utility – the R-U confidentiality map. NISS Technical Report 121
Zehn Kennzahlen, acht Generatoren
Erst nebeneinander sieht man es
Risiko – klein ist gut
Nutzen – gross ist gut
Generator
RepU
TCAP
RAPID
MIA
DCR
pMSE
CIProx
Wasserstein
CMD
NoAdultHH
synthpop ★
0.19
0.24
0.92
1.00
0.26
0.97
0.99
1.00
0.95
0.97
arf
0.17
0.13
0.67
0.04
0.03
0.52
0.28
0.05
0.27
0.52
MostlyAI ★
0.16
0.09
0.78
0.41
0.10
0.90
0.89
0.99
0.56
0.70
simPop ★
0.18
0.05
0.64
0.03
0.08
0.64
0.94
0.99
0.34
1.00
GRETEL
0.11
0.06
0.62
0.77
0.05
0.34
0.96
0.97
0.65
0.49
synthcity
0.07
0.07
0.51
0.25
0.01
0.34
0.63
0.96
0.19
0.41
SDV_GC
0.13
0.07
0.60
0.18
0.01
0.44
0.87
0.88
0.49
0.51
SDV_VAE ★
0.05
0.05
0.53
0.24
0.01
0.52
0.87
0.95
0.31
0.52
original ★
1.00
1.00
0.95
1.00
1.00
1.00
1.00
1.00
1.00
1.00
Je fünf Risiko- und Nutzenmasse – die Karte von vorhin kennt
nur eine Zahl pro Achse und mittelt die entscheidende Schwäche weg.
Alle Kennzahlen auf 0 bis 1 skaliert, ★ = Pareto-optimal; acht Generatoren, je zehn
Replikate, plus die Originaldaten.
synthpop
Bester Nutzen – und ein Mitgliedschaftsrisiko
auf dem Niveau der Originaldaten.
arf
Geringes Mitgliedschafts- und Distanzrisiko –
aber ein Inferenzrisiko wie alle anderen und eine Verteilungstreue, die
zusammenbricht.
RAPID
Bleibt bei jedem Generator hoch
(0,51 bis 0,92). Das Inferenzrisiko überlebt jede Synthese.
Thees, Müller & Templ (2026), Beyond the trade-off curve, Abb. 1 · EU-SILC Österreich 2013,
n = 13 513
Multivariate Risiko-Nutzen-Karte
Pareto statt Sieger
Die Front ersetzt den Sieger durch eine Auswahl.
Wo man auf ihr steht, ist eine Governance-Entscheidung –
keine statistische.
Pareto-optimal = Auswahlliste
Kein anderes Verfahren ist
gleichzeitig sicherer und nützlicher. Vier von acht
bleiben übrig.
Warum die grauen wegfallen
GRETEL etwa: simPop ist sicherer
und nützlicher zugleich. Damit ist GRETEL aus dem Rennen.
Der letzte Schritt ist der teuerste
Von synthpop zum Original steigt das
Risiko 27-mal stärker als der Nutzen.
Praktisch:
Die synthetische Datei kostet rund 2 % Nutzen und nimmt
gut die Hälfte des Risikos.
Eigene Darstellung aus den Mittelwerten der Kennzahlen in Thees,
Müller & Templ (2026), Abb. 1 – der Tabelle der vorigen Folie; Steigung 27.68
aus Abb. 3. Kein Generator-Benchmark: die Verfahren wurden nicht ausgiebig getunt.
Teil 3
Anonymisieren oder synthetisieren?
Was sich ändert – und was nicht.
Der klassische Weg
Der Werkzeugkasten
Vergröbern
Alter 34 wird zu 30–39, Gemeinde wird
zu Kanton. Kein Wert wird falsch – nur ungenauer.
Unterdrücken
Einzelne Zellen werden gelöscht, gezielt
dort, wo das Risiko sitzt.
Mikroaggregation
Ähnliche Zeilen werden zu Gruppen
zusammengefasst und durch ihren Mittelwert ersetzt.
Rauschen
Auf jeden Wert kommt Zufall. Der Mittelwert bleibt,
die Streuung wächst, der Einzelwert verschwindet. Ohne Korrektur werden
Zusammenhänge zu schwach.
Vertauschen (Swapping)
Werte werden zwischen Zeilen getauscht –
gezielt dort, wo das Risiko sitzt. Für Zensusdaten schlugen Meindl und Templ
2021/22 Targeted Record Swapping vor.
Post-Randomisierung (PRAM)
Kategorien werden innerhalb einer Zeile nach
einer offengelegten Übergangsmatrix umkodiert.
Kein Wert ist mehr beweisbar echt.
Ziel: maximaler Nutzen unter der Nebenbedingung,
dass das Risiko jeder einzelnen Person unter einer Schwelle bleibt. Welche
Schwelle das ist, legt das Szenario fest.
Targeted Record Swapping: Weltbank-Projekte 2021 und 2022, Bukarest
· R-Paket sdcMicro
(Templ, Kowarik & Meindl 2015, Journal of Statistical Software 67(4))
Was das konkret bringt
Drei Zeilen auf einem österreichischen EU-SILC-Datensatz
Nach jedem Schritt werden Risiko und Nutzen
automatisch neu berechnet. Genau diese Schleife wird in Teil 5
wieder auftauchen – dann mit einem Sprachmodell darin.
Mit hhId kommt das
Haushaltsrisiko dazu: 31.70 vorher,
1.09 nachher. Wer eine Person trifft, hat den Haushalt.
Synthetischer EU-SILC-Datensatz für Österreich (Basis 2006) aus dem
R-Paket laeken, 14 827 Personen
· gerechnet mit sdcMicro
Der andere Weg
Synthetische Daten
1993
Rubin schlägt synthetische Daten vor –
im Journal of Official Statistics.
2014–2017
synthpop und simPop für die amtliche
Statistik (CRAN 2014, JSS 2016/17).
2017–2019
GANs erreichen Mikrodaten:
medGAN, dann CTGAN.
seit 2023
Sprachmodelle als Generatoren.
Neuer heisst nicht besser: Beim Nutzen liegen
synthpop und simPop vorn, die GAN- und
VAE-Generatoren und die Transformer darunter.
Synthese verschiebt Information. Sie erschafft keine.
Das Inferenzrisiko verschwindet nicht. Es steckt
in genau den Zusammenhängen, die man erhalten will.
Plausibel ist nicht automatisch richtig.
Logikprüfung: Haushalte ohne Erwachsene
Kennzahl NoAdultHH,
je Kennzahl skaliert: 1.00 = so sauber wie die Originaldaten.
Nur simPop erreicht die Logik der
Originaldaten, synthpop kommt nahe. Was 0.52 konkret heisst:
arf erzeugte 1’123’494
Haushalte nur aus Kindern – wahr sind null.
Für ein Amt der Ausschlussgrund.
Balken: NoAdultHH aus Thees, Müller & Templ (2026), Abb. 1 ·
Absolutzahlen aus dem Generatorenvergleich Thees, Novák & Templ (2024), PSD, LNCS,
S. 194–209 – anderer Aufbau, hochgerechnet auf 3,7 Mio. Haushalte
Der Beleg
Ein Angriff auf synthetische Daten
Ein Vorhersagemodell – hier ein Random Forest – wird
ausschliesslich auf den synthetischen Daten trainiert.
Dann sagt er den Gesundheitsstatus realer
Personen voraus – von Personen, die er nie gesehen hat.
Es gibt keine 1:1-Zuordnung mehr. Die
Abhängigkeiten zwischen den Merkmalen bleiben aber –
und genau die will man ja erhalten.
≈ 82%Genauigkeit auf echten Personen
Und die ehrliche Frage dazu: Was davon ist Offenlegung – und was einfach
Statistik, die jedes Modell auf beliebigen echten Daten auch könnte?
Genau dieses Risiko misst RAPID – ein
Inferenzrisiko-Mass im CRAN-Paket riskutility: es
simuliert den Angreifer als Vorhersagemodell und rechnet gegen die Grundrate auf.
Eigene Auswertung auf Gesundheitsdaten ·
Templ, Thees & Müller (2026): RAPID, arXiv:2602.09235 ·
R-Paket riskutility auf CRAN
Teil 4
Zugang statt Anonymisierung?
Ein kurzer Blick auf das Mikrodatenzentrum – und warum das die Frage
nicht erledigt.
Der Werkzeugkasten der Datenfreigabe
Fünf Wege, mit Personendaten umzugehen
1 · Public Use
Stark anonymisiert, für alle.
2 · Scientific Use
Weniger vergröbert, mit Vertrag.
3 · Sicherer Raum
Vor Ort, unter Aufsicht.
4 · Fernzugriff
Rechnen in einer gesicherten Umgebung,
mit Outputkontrolle.
5 · Rechnen ohne Einblick
Privacy-Preserving Computing. Die Auswertung geht
zu den Daten. Niemand sieht eine Zeile.
1 →
5: mehr Information in den Daten –
weniger Augen darauf. Auf Stufe 5 keine.
Geschützt: die Eingabe.
Nicht die Ausgabe.
Quer dazu: synthetische Daten. Keine Stufe,
sondern ein Werkzeug auf jeder.
Als Public-Use-Datei · zum Vorbereiten
des Codes für Stufe 4.
Zugang nur für akkreditierte wissenschaftliche
Einrichtungen: 87, mit
78 laufenden und 24
abgeschlossenen Projekten.
Gerechnet wird in einer virtuellen Desktop-Infrastruktur:
Zwei-Faktor-Authentifizierung, volle Protokollierung, abschliessbarer Raum, am
Ende Outputkontrolle.
Outputregeln: mindestens
10 Einheiten je Aggregat, Dominanzregel
(2, 80 %).
Was dort nicht passiert
Die Mikrodaten im AMDC sind
nicht anonymisiert. Der gesetzliche Massstab ist ein
niedrigerer: keine Identifikation
«durch Namen, Anschrift oder anhand einer öffentlich
zugänglichen Identifikationsnummer» § 31 Abs. 4 BStatG
Statistik Austria selbst spricht von
«potentiell indirekt identifizierbaren» Daten und,
für die Forschungsphase, von Pseudonymisierung. Verknüpft
wird über ein bereichsspezifisches Personenkennzeichen.
Schutz im Zugang, nicht in den Daten.
Bewertet wird nicht die Datei, sondern wer hineindarf und
was herauskommt.
«So viel Aufwand betreibt doch niemand.»
– die stille Annahme vom Anfang, jetzt mit Zahlen.
Aus der Verpflichtungserklärung, die Forschende im
AMDC unterschreiben:
«… dass ich keine
sonstigen Medien und Informationsquellen während des Zugangs
nutze.»
Diese Regel schützt den
Raum, und das tut sie weiterhin. Sie greift aber nur dort: nicht beim geprüften
Output, der hinausgeht, und nicht bei den Dateien, die nie in ein Mikrodatenzentrum
kommen – Scientific-Use-Files, offene Daten, beim Broker gekaufte
Bewegungsspuren.
Die Vorgeschichte
Der Flaschenhals war nie die Eindeutigkeit
Neu ist nicht das Risiko.
Neu ist, wer die Arbeit macht.
Eindeutigkeit: seit über
zehn Jahren belegt. · Was schützte: der Aufwand
– geschulte Handarbeit, pro Person.
Krumm (2007) · de Montjoye et al. (2013), Sci. Rep. 3:1376 ·
Farzanehfar et al. (2021), Patterns 2(3)
Der Bruch
Agentische KI sitzt inzwischen an beiden Enden des Tisches
Als Angreifer
Sucht selbstständig im Web, kombiniert Register, soziale Netzwerke und
Verzeichnisse, prüft die Evidenz und benennt eine Person.
Ohne Aufsicht, viele Ziele parallel. Und das Fachwissen
muss nicht mehr beim Angreifer sitzen: es steckt im Modell und in dem Kontext, den
man ihm mitgibt.
Als Verteidiger
Schlägt Anonymisierungsstrategien vor, führt sie aus, misst den
Informationsverlust unter der k-Schranke und bessert nach.
Sieht dabei nie eine Datenzeile – nur
Variablennamen, Typen und aggregierte Risikozahlen. Unterschreiben muss ein
Mensch.
Beide Rollen laufen auf
demselben Modell. Getrennt werden sie durch das,
was es sehen darf.
Das Experiment
43 Bewegungsprofile, ein Agententeam, nur öffentliche Quellen
43 Freiwillige in der Schweiz, mit ausdrücklicher
Einwilligung.
GPS-Spuren über drei Wochen, simuliert um die echten
Wohn- und Arbeitsadressen. Freizeitstopps sind erfundenes Rauschen.
Der Angreifer erhält eine Gerätespur –
so, wie man sie bei einem Datenbroker kauft.
Erlaubt sind nur frei zugängliche Webquellen.
Keine Fake-Profile, kein Social Engineering, keine Täuschung.
Als Treffer zählt nur ein einziger, richtiger Name –
von Hand gegen die Angaben aus der Einwilligung geprüft. Nur der Haushalt
zählt nicht.
Das Raster verdichtet die Pings zuerst grob
(rund 111 × 76 m), dann fein (rund 11 × 7,6 m) – und
trifft damit das Gebäude.
Der Schlüssel ist der vierte Schritt: das
Gebäude- und Wohnungsregister entscheidet, ob eine Adresse
überhaupt auf eine Person führt. Ein Produkt der amtlichen Statistik ist
hier das entscheidende Angriffswerkzeug.
Thees, Müller & Templ (2026), Abb. 1. Prompts, Code, Agenten-Skills
und Daten werden bewusst nicht veröffentlicht.
Das Ergebnis
18 von 25 namentlich identifiziert
Name genannt
nur Haushalt
kein Kandidat
Summe
tatsächlich identifizierbar
18
2
5
25
nur Haushalt identifizierbar
0
2
0
2
nicht identifizierbar
1
1
14
16
Summe
19
5
19
43
Zeilen: Wahrheit. Spalten: Urteil der Pipeline.
72%18 von 25 – der öffentlich auffindbaren Personen
41.9%18 von 43 – aller Spuren
94.7%Präzision: 19 Namen genannt, 18 richtig
87.5%korrekt abgebrochen, wenn nichts zu finden war
Was den Erfolg treibt: ein Eintrag im
öffentlichen Einwohnerverzeichnis, ein
Einfamilienhaus, ein nachprüfbarer Arbeitsort.
Thees, Müller & Templ (2026), Tab. 1
Die Antwort auf die Frage von vorhin
Was kostet ein Angriff heute?
2.24$pro Person, zu Listenpreisen
17minunbeaufsichtigte Rechenzeit
58 500erzeugte Tokens
0beteiligte Menschen
Und in grossem Massstab?
Alle 43 Läufe an einem Tag,
vierfach parallel. Hochgerechnet: 10 000 Ziele für rund
22 400 $.
Eigene Hochrechnung. Zugriffssperren
bei dieser Grössenordnung sind nicht gemessen. Mit offenen Modellen auf eigener
Hardware sinkt der Preis weiter: eher eine Ober- als eine Untergrenze.
Ehrlich bleiben
Es wurde kein Vergleich mit einem
menschlichen Ermittler gemessen. Der Vorteil ist nicht das Tempo im
Einzelfall, sondern: billig, parallel, ohne Menschen.
Thees, Müller & Templ (2026), S. 10–11 ·
Staab et al. (2024) messen für LLM-Inferenz rund 100-mal tiefere Kosten und
240-mal höheres Tempo als menschliche Ermittler
Die andere Seite des Tisches
KI als Verteidiger
~18smit GPT-4.1 bis zur 3-Anonymität auf allen
4 580 Zeilen des Testdatensatzes
Weniger als 1 % der
Schlüsselzellen unterdrückt, die besetzten Ausprägungen gehen um
weniger als 3 % zurück.
Mit GPT-5.5 gut
zwei Minuten – dort halbiert die Rückkopplung den Informationsverlust
gegenüber fünf unabhängigen Vorschlägen (k = 3).
Die ehrliche Grenze
Lokales 8-Mrd.-Modell: Variablen
einordnen – ja, 15 von 15. Anonymisieren – nein, 0 von 30.
Gescheitert ist die Ausführung:
Die Schleife nimmt nur gültige Werkzeugaufrufe an. Ob die Vorschläge
inhaltlich taugten, wurde nicht gemessen.
Templ (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control
of microdata in R. SoftwareX, in Begutachtung · sdcMicro 5.8.2 auf CRAN
Ausblick
Woran wir gerade arbeiten
Längsschnitt- und Ereignisdaten
Mobilität · Ereignisdaten ·
klinische Studien. Jede weitere Welle: eindeutiger.
Risiko über Record Linkage
Probabilistisch, bayesianisch ·
distanzbasiert. Für Längsschnitte bisher kein brauchbares Mass.
Synthetische Bevölkerung im Verkehr
SynPop-Datensatz.
Verkehrsmodelle ohne echte Wege.
Risiko bei fehlenden Werten
NA im Schlüssel passt
überall. Häufigkeit mehrdeutig → über den rekonstruierenden
Angreifer.
Optimale lokale Unterdrückung
kAnon(): heute heuristisch,
künftig exakt – über gemischt-ganzzahlige lineare Programme
(MILP).
Weiter an beidem: KI-gestützte
Angriffe · KI als Anonymisierer.
SNF BRIDGE Discovery 40B2-0-211751 (mit Murat Sariyar, BFH) ·
SBB Research Fund, mit dem Bundesamt für Statistik ·
Templ & Meindl zum Risiko bei fehlenden Werten · SwissAnon, FHNW
Zum Schluss
Fünf Sätze zum Mitnehmen
Risiko ist keine Eigenschaft eines Datensatzes, sondern
eines Szenarios.
Jedes Szenario hat einen Preis – und dieser Preis ist
auf 2 Dollar(zu
Listenpreisen) und 17 Minuten gefallen.
Risiko und Nutzen sind beide mehrdimensional.
Je eine Zahl versteckt die Schwäche, auf die es ankommt.
Synthetische Daten verschieben das Risiko.
Sie beseitigen es nicht.
Dieselbe KI, die angreift, kann verteidigen –
mit Datenschutz-Firewall und Mensch am Schluss.
Danke.
Fragen?
Matthias Templ · matthias.templ@fhnw.ch
FHNW School of Business (ICC), Olten · swissanon.com
Thees, Müller & Templ (2026): Beyond the trade-off curve.
Journal of Official Statistics, angenommen
Thees, Müller & Templ (2026): Agentic AI-powered re-identification.
Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS, angenommen
Templ (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control.
SoftwareX, in Begutachtung
Templ, Thees & Müller (2026): RAPID. arXiv:2602.09235 ·
R-Paket riskutility auf CRAN
Zur Studie: Wie ein Schweizer Forscher in ein paar Tagen die Basis für ein
mächtiges Überwachungsinstrument schuf. NZZ, 30. August 2026
Zum Nachlesen
Literatur
Grundlagen und fremde Arbeiten
Benedetti, R., Franconi, L. (1998): Statistical and technological solutions for
controlled data dissemination. NTTS, Sorrento.
de Montjoye, Y.-A. et al. (2013): Unique in the crowd.
Scientific Reports 3, 1376.
Domingo-Ferrer, J., Torra, V. (2008): A critique of k-anonymity and some of its
enhancements. ARES, 990–993.
Duncan, G. T., Keller-McNulty, S. A., Stokes, S. L. (2001):
Disclosure risk vs data utility. NISS Technical Report 121.
Dwork, C. (2006): Differential privacy. ICALP, 1–12.
Farzanehfar, A., Houssiau, F., de Montjoye, Y.-A. (2021): The risk of
re-identification remains high even in country-scale location datasets.
Patterns 2(3), 100204.
Golle, P. (2006): Revisiting the uniqueness of simple demographics in the US
population. WPES.
Krumm, J. (2007): Inference attacks on location tracks. Pervasive,
LNCS, 127–143.
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Thees, O., Müller, R., Templ, M. (2026): Agentic AI-powered
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Templ, M., Thees, O., Müller, R. (2026): RAPID. arXiv:2602.09235.
Templ, M. (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control of
microdata in R. SoftwareX, in Begutachtung.
R-Pakete auf CRAN: sdcMicro,
simPop, laeken,
riskutility.
Reserve
Fragen, die erfahrungsgemäss kommen.
Reserve 1
Fünf Risiko- und fünf Nutzenkennzahlen messen Verschiedenes
Risiko
RepU – wurden echte
Zeilen reproduziert?
TCAP – lässt sich ein
sensibles Merkmal zuordnen?
RAPID – wie viel Inferenz
erlaubt die Freigabe?
MIA – lässt sich die
Teilnahme erkennen?
DCR – wie nah liegen
synthetische an echten Zeilen?
Nutzen
pMSE – sind echt und
synthetisch unterscheidbar?
CIProx – stimmen die
Konfidenzintervalle?
Wasserstein – stimmen die
Verteilungen?
CMD – bleibt die
Korrelationsstruktur erhalten?
NoAdultHH – sind die Daten
logisch möglich?
5 × 5 = 25 Karten,
wenn man alle Paare zeigen will.
Oder ein Mittelwert – in dem die eine
kritische Schwäche verschwindet.
Thees, Müller & Templ (2026): Beyond the trade-off curve.
Journal of Official Statistics, angenommen
Reserve 2
Hängt die Pareto-Front nicht von der Skalierung ab?
Ja und nein – und der Unterschied ist
der Punkt. Die multivariate Front ist skalierungsinvariant: monotone
Transformationen je Kennzahl ändern keine Dominanzbeziehung. Skalierungsabhängig
ist erst die zusammengefasste Karte.
Skalierung
Pareto-optimal auf der zusammengefassten Karte
roh
Verfahren 3, Verfahren 4
Min-Max
Verfahren 2, Verfahren 3, Verfahren 4
z-Standardisierung
Verfahren 2, Verfahren 3
Das Paper sagt es selbst: die Dominanz wird
auf den zusammengefassten Werten ausgewertet, nicht auf den rohen Vektoren.
Deshalb gehört die gewählte Standardisierung in jeden Bericht – und
deshalb keine Risikoschwelle auf eine zusammengesetzte Achse, sondern
auf die Achse der einzelnen Kennzahl.
Thees, Müller & Templ (2026), Anhang B, Tab. 9
Reserve 3
Wie belastbar ist das Angriffsexperiment?
Grenzen, die das Paper selbst nennt
n = 43, nur Schweiz,
nur ein Spurengenerator.
Jeder Fall einmal gelaufen –
keine Streuung gemessen.
Keine Baseline gegen einen
menschlichen Ermittler und kein Vergleich mit einer nicht-agentischen Lösung.
Ergebnisse gelten unter den Sicherheitsfiltern
eines kommerziellen Spitzenmodells.
Was es trotzdem zeigt
Es ist eine Machbarkeitsstudie,
keine Bevölkerungsschätzung. Aber für die Frage, ob eine
Re-Identifikation «nach allgemeinem Ermessen wahrscheinlich» ist,
genügt der Nachweis, dass sie billig gelingt und im Betrieb
keinen Menschen mehr braucht.
Reserve 4
Was als Nächstes billiger wird
Modelle, die zu Hause laufen
Offene Modelle auf handelsüblicher Hardware
senken den Kostenboden weiter.
Ohne Aufruf bei einem Anbieter gibt es
kein Protokoll, in dem so ein Lauf auffällt – und
keinen Zugang, den jemand sperren könnte.
Und keine Sicherheitsfilter des Anbieters.
Agenten, die Kontakt aufnehmen
Anrufe, E-Mails, gefälschte Profile.
Geolokalisierung aus Fotos, Gesichtserkennung,
Personensuchdienste.
Technisch heute möglich – in dieser Studie
bewusst nicht getan.
Das sind Skizzen, keine Messungen.
Aber die Richtung ist eindeutig: die Zahlen von vorhin sind eher eine
Obergrenze der Kosten als eine Untergrenze.
Thees, Müller & Templ (2026), S. 12
Reserve 5
Warum kommt Differential Privacy nicht vor?
Was sie leistet
Eine beweisbare Schranke: Ob eine einzelne Person in den Daten
ist oder nicht, darf das Ergebnis nur um den Faktor
eε verändern.
Damit ist sie das einzige Verfahren hier, das
ohne Annahme über den Angreifer auskommt – und deshalb
gegen die Kostenfrage immun.
Warum sie hier trotzdem fehlt
Sie beantwortet eine andere Frage: nicht «wie
riskant ist diese Datei», sondern «was kostet diese
Auswertung an Budget».
Für ganze Mikrodatensätze mit brauchbarem
ε ist sie in der amtlichen Statistik bis heute die
Ausnahme.
Und sie löst das Inferenzproblem nicht, sie
definiert es weg: Was aus der Population lernbar ist, gilt nicht
als Schaden.
Genau dort trennen sich Dwork und Mühlhoff – und dort
liegt das Inferenzrisiko aus Teil 3.
Risikomodelle formulieren, die agentische Angreifer explizit
einpreisen – nicht den Menschen mit dem Telefonbuch.
Verfahren mit formalen Garantien bevorzugen, wo der
Kostenvorteil eines Angriffs gross ist.
Bei Rohdaten mit Raum-Zeit-Bezug: abgestufte Zugangsregime
statt Public Use.
Öffentliche Register als Angriffsfläche mitdenken.
Sie sind heute der wirksamste Hebel des Angreifers.
Und: die eigenen Freigaben selbst angreifen, bevor es andere tun.
Der Aufruf des Papers wörtlich: die SDC-Gemeinschaft solle
agentische KI-Angreifer als reale und nicht als hypothetische
Bedrohung behandeln.
Reserve 7
Die Abbildung aus dem Paper
Was hier anders ist als auf Folie 16
Gezeichnet sind Einzelreplikate,
nicht Mittelwerte, und die Achsen sind gewichtete Composites
(ω, α) statt einfacher Mittel. Die Front und das Knie fallen gleich aus.
Die Steigungen an der Front
Jede Zahl an der Front ist
ΔRisiko / ΔNutzen. Der letzte Schritt zum Original:
27.68 hier, 19.5 auf den einfachen Mitteln
von Folie 16.
Thees, Müller & Templ (2026), Beyond the trade-off curve,
Abb. 3 · Journal of Official Statistics