SwissAnon
Keynote · Österreichische Statistiktage 2026 · Wien

Disclosure scenarios, attacker cost, and agentic AI.

Offenlegungsszenarien, Angreiferkosten und agentische KI

Matthias Templ
FHNW School of Business, Institute for Competitiveness and Communication, Olten
SwissAnon – Swiss Data Anonymization Center
9. September 2026 · Session 3 · Statistik Austria, Guglgasse 13
Vorab ein Dank

Der KI-Angreifer ist Teamarbeit

Oscar Thees

FHNW, Olten · Erstautor der Studie

Roman Müller

FHNW, Olten · Erstautor der Studie

Was Sie heute über KI als Angreifer sehen, ist unsere gemeinsame Forschung. Herzlichen Dank, Oscar und Roman.

Thees, Müller & Templ (2026): Agentic AI-powered re-identification. Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS · arXiv:2606.27936 · Thees und Müller mit gleichem Beitrag · gefördert vom SNF, Projekt 211751
Zum Einstieg

Wer steht hier vorne?

Linzer Torte
Hinweis 1

Geboren in ?

Wiener Schnitzel
Hinweis 2

Doktorat und Habilitation an ?

Bier vor einem Holzfass
Hinweis 3

Beratung und Lehre in ?

Altstadt von Olten an der Aare
Hinweis 4

Arbeitet heute in ?

Vier Merkmale, kein Name. Raten Sie mit.

Aufgelöst

Wer steht hier vorne?

Linzer Torte
Hinweis 1

Geboren in SteyrOberösterreich.

Wiener Schnitzel
Hinweis 2

Doktorat und Habilitation an der TU Wien.

Bier vor einem Holzfass
Hinweis 3

Beratung und Lehre in Olomouc.

Altstadt von Olten an der Aare
Hinweis 4

Arbeitet heute in Olten.

Vier Merkmale. Kein Name. Und Sie wissen, wer hier steht.

Teil 1

Offenlegungs­szenarien.

Was ein Angreifer weiss, was er dazulernt – und warum ohne Szenario keine Risikozahl existiert.

Was gerade passiert ist

Verknüpfung: wie aus vier Merkmalen ein Name wird

Freigegebener Datensatz

GeburtsortHochschuleBerufWert
WienUni WienLehre…
LinzTU WienProfessur 190 360
GrazTU GrazVerwaltung…
SalzburgPLUSForschung…
Keine Namen. Keine Adressen. Keine Sozialversicherungsnummern.

Wissen im Saal

Linz · TU Wien · Professur · Name

Drei Merkmale aus dem Datensatz – plus der Name, der dort fehlt.

Genau eine Zeile passt

Damit ist nicht nur die Person bekannt, sondern auch alles andere in dieser Zeile.

Quasi-Identifikator

Merkmal, das für sich harmlos ist – in Kombination aber eindeutig.

Schlüssel

Die Merkmalskombination, über die verknüpft wird.

Äquivalenzklasse

Alle Zeilen mit demselben Schlüssel; ihre Grösse ist die Schlüsselhäufigkeit, hier 1. Gilt das auch in der Bevölkerung? Die nächste Frage.

Das Lehrbuchbeispiel

Zwei Tabellen, eine Verknüpfung

Öffentliches Verzeichnis

NameGemeindeBerufGeschl.
Max MusterStadelProfessorM
Anna BeiStadelÄrztinW
Urs FreiZürichProfessorM

Anonymisierte Erhebung

GemeindeBerufGeschl.Häufigkeit Einkommen
StadelProfessorM 1176 456
ZürichProfessorM 18…
Schlüsselhäufigkeit 1 gegen 18.

Häufigkeit 1

Ein eindeutiger Treffer. Das Einkommen ist offengelegt.

Häufigkeit 18

Kein eindeutiger Treffer: 18 Personen teilen diese Kombination.

Nach Templ (2017): Statistical Disclosure Control for Microdata, Springer, Kap. 3
Der Klassiker

20 Dollar für ein Wählerverzeichnis

  • Massachusetts gab in den 1990er-Jahren Krankenversicherungsdaten der öffentlich Bediensteten zu Forschungszwecken frei – ohne Namen und Adressen.
  • Latanya Sweeney kaufte für rund 20 $ das Wählerverzeichnis von Cambridge.
  • Gemeinsame Merkmale: Postleitzahl, Geburtsdatum, Geschlecht. Damit fand sie die Krankenakte des amtierenden Gouverneurs – und schickte sie ihm zu.
William Weld

William Weld, 1991–1997 Gouverneur von Massachusetts – der Patient in Sweeneys Beispiel.

Daten ohne Namen sind noch keine anonymen Daten.

Sweeney (2000): Simple demographics often identify people uniquely · Golle (2006), WPES · Sweeney (2002): k-Anonymity
Die Taxonomie

Vier Arten der Offenlegung

PersonAlterGeschlechtRegion LernstörungPrüfungsangst
P110–19weiblichHuntington nein9
P530–39männlichEdmond ja5
P630–39männlichAlkol ja3
P750–59weiblichJesse nein2
P850–59weiblichJesse ja3

Identität

«Sally, 18, weiblich, hat teilgenommen.»
Genau eine Zeile passt – alle ihre Antworten sind bekannt.

Attribut

«Tom, 34, männlich.»
P5 oder P6 – welche Zeile er ist, bleibt unbestimmt. Beide tragen denselben Wert, damit ist sein Merkmal offengelegt.

Mitgliedschaft

«Ist Nicole überhaupt in der Erhebung?»
Sensibel, wenn schon die Teilnahme etwas verrät, etwa bei einer Klinikstichprobe. Aus drei Zeilen folgt ihre Teilnahme erst, wenn in der Bevölkerung niemand sonst passt.

Inferenz

«Alter und Geschlecht sagen Prüfungsangst voraus.»
Das Modell trifft Aussagen über Personen, die gar nicht in den Daten sind.

Nach Domingo-Ferrer & Torra (2008) und der Illustration aus Templ et al., Anonymization in Psychology
Wer ist eigentlich der Angreifer?

Ohne Szenario keine Risikozahl

Der neugierige Nachbar

Kennt eine Person und ihre Merkmale. Sucht deren Zeile.

Wenig Wissen, hohe Motivation. Das typische Szenario für offene Daten.

Das Archiv

Verfügt über eine ganze externe Datei und sucht systematisch nach Treffern.

Viel Wissen, viele Ziele. Das Szenario für Register und kommerzielle Datensätze.

Die Differenz

Stellt einem Abfragesystem zwei fast identische Fragen und liest die Antwort aus der Differenz.

Das Szenario für Tabellen und Auswertungsdienste.

Jede Risikozahl ist eine bedingte Grösse: bedingt auf das Wissen, das man dem Angreifer unterstellt. Bleibt diese Bedingung ungenannt, ist die Zahl weder vergleichbar noch nachprüfbar.

Die naheliegende Antwort – und ihre zwei Lücken

Wenn k-Anonymität nicht genügt

AlterGeschlechtPLZDiagnose
30–39männlich405** Grippe
30–39männlich405** Bruch
30–39männlich405** Grippe
50–59weiblich 412**Krebs
50–59weiblich 412**Krebs
50–59weiblich 412**Krebs
Jede Kombination dreimal: k = 3 ist erfüllt.

k-Anonymität: jede Äquivalenzklasse mindestens k Zeilen. Wirksam gegen Identitätsoffenlegung.

Lücke 1 · Homogenität

Wer weiss, dass eine 55-jährige Frau in der unteren Klasse steht, kennt die Diagnose.

Setzt Teilnahmewissen voraus: bei einer Vollerhebung geschenkt, bei einer Stichprobe nicht. l-Diversität verlangt Vielfalt im sensiblen Merkmal.

Lücke 2 · Stichprobe ≠ Bevölkerung

Einmal in der Stichprobe, Gewicht 100: hundert Kandidaten. Gewicht 1: auch im Land einzigartig.

Summe der Einzelrisiken = erwartete Zahl korrekt zugeordneter Zeilen – gleich sehen Sie sie fallen.

Belastbar nur, wenn die Schlüsselvariablen im Stichprobendesign vorkommen – sonst modelliert man sie (Benedetti & Franconi 1998).

Sweeney (2002) · Machanavajjhala et al. (2007) für l-Diversität · Benedetti & Franconi (1998)
Die stille Annahme

Jedes Szenario hat einen Preis

«So viel Aufwand betreibt doch niemand.»

Auf diesem Satz ruht die Praxis der Datenfreigabe. Er heisst faktische Anonymität – und er ist eine ökonomische Behauptung, keine mathematische.

DSGVO, Erwägungsgrund 26

Massgeblich sind alle Mittel, deren Einsatz nach allgemeinem Ermessen wahrscheinlich ist – Kosten und Zeit eingerechnet.

§ 16 Abs. 6 BStatG, Deutschland

Faktisch anonym sind Angaben, die nur «mit unverhältnismässig grossem Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeitskraft» zuzuordnen sind.

Beide Texte binden den Schutz an Zeit und Kosten. Gemessen hat ihn bisher niemand. Wir kommen darauf zurück – im letzten Teil, mit Zahlen. Vorher: woran messen wir das Ergebnis?

DSGVO, Erwägungsgrund 26 · § 16 Abs. 6 BStatG (D) · ausbuchstabiert in Ronning et al. (2005), Statistisches Bundesamt
Teil 2

Risiko und Nutzen.

Je eine Zahl für Risiko und Nutzen genügt nicht.

Der Klassiker der Abwägung

Die Risiko-Nutzen-Karte

Datennutzen → Offenlegungsrisiko → Risikoschwelle Nutzenschwelle Zielzone Originaldaten Verfahren 1 Verfahren 2 Verfahren 3 Verfahren 4 keine Daten

Vier Felder

Oben rechts: brauchbar, aber zu riskant.
Unten links: sicher, aber wertlos.
Oben links: das Schlimmste aus beidem.
Unten rechts: das Ziel.

Anonymisierung ist eine Bewegung auf dieser Karte: vom Original nach links unten – so weit wie nötig, so wenig wie möglich.

Duncan, G. T., Keller-McNulty, S. A., Stokes, S. L. (2001): Disclosure risk vs data utility – the R-U confidentiality map. NISS Technical Report 121
Zehn Kennzahlen, acht Generatoren

Erst nebeneinander sieht man es

Risiko – klein ist gut Nutzen – gross ist gut
Generator RepUTCAPRAPID MIADCR pMSECIProxWasser­stein CMDNoAdultHH
synthpop ★ 0.190.240.921.000.26 0.970.991.000.950.97
arf 0.170.130.670.040.03 0.520.280.050.270.52
MostlyAI ★ 0.160.090.780.410.10 0.900.890.990.560.70
simPop ★ 0.180.050.640.030.08 0.640.940.990.341.00
GRETEL 0.110.060.620.770.05 0.340.960.970.650.49
synthcity 0.070.070.510.250.01 0.340.630.960.190.41
SDV_GC 0.130.070.600.180.01 0.440.870.880.490.51
SDV_VAE ★ 0.050.050.530.240.01 0.520.870.950.310.52
original ★ 1.001.000.951.001.00 1.001.001.001.001.00
Je fünf Risiko- und Nutzenmasse – die Karte von vorhin kennt nur eine Zahl pro Achse und mittelt die entscheidende Schwäche weg. Alle Kennzahlen auf 0 bis 1 skaliert, ★ = Pareto-optimal; acht Generatoren, je zehn Replikate, plus die Originaldaten.

synthpop

Bester Nutzen – und ein Mitgliedschaftsrisiko auf dem Niveau der Originaldaten.

arf

Geringes Mitgliedschafts- und Distanzrisiko – aber ein Inferenzrisiko wie alle anderen und eine Verteilungstreue, die zusammenbricht.

RAPID

Bleibt bei jedem Generator hoch (0,51 bis 0,92). Das Inferenzrisiko überlebt jede Synthese.

Thees, Müller & Templ (2026), Beyond the trade-off curve, Abb. 1 · EU-SILC Österreich 2013, n = 13 513
Multivariate Risiko-Nutzen-Karte

Pareto statt Sieger

Datennutzen → Offenlegungsrisiko → 0 0.5 1.0 0.5 1.0 auf der Front dominiert von hier aus: sicherer und nützlicher zugleich arf synthcity SDV_GC GRETEL SDV_VAE simPop · Knie MostlyAI synthpop Originaldaten der letzte Schritt: viel Risiko, kaum Nutzen

Die Front ersetzt den Sieger durch eine Auswahl. Wo man auf ihr steht, ist eine Governance-Entscheidung – keine statistische.

Pareto-optimal = Auswahlliste

Kein anderes Verfahren ist gleichzeitig sicherer und nützlicher. Vier von acht bleiben übrig.

Warum die grauen wegfallen

GRETEL etwa: simPop ist sicherer und nützlicher zugleich. Damit ist GRETEL aus dem Rennen.

Der letzte Schritt ist der teuerste

Von synthpop zum Original steigt das Risiko 27-mal stärker als der Nutzen.

Praktisch: Die synthetische Datei kostet rund 2 % Nutzen und nimmt gut die Hälfte des Risikos.

Eigene Darstellung aus den Mittelwerten der Kennzahlen in Thees, Müller & Templ (2026), Abb. 1 – der Tabelle der vorigen Folie; Steigung 27.68 aus Abb. 3. Kein Generator-Benchmark: die Verfahren wurden nicht ausgiebig getunt.
Teil 3

Anonymisieren oder synthetisieren?

Was sich ändert – und was nicht.

Der klassische Weg

Der Werkzeugkasten

Vergröbern

Alter 34 wird zu 30–39, Gemeinde wird zu Kanton. Kein Wert wird falsch – nur ungenauer.

Unterdrücken

Einzelne Zellen werden gelöscht, gezielt dort, wo das Risiko sitzt.

Mikroaggregation

Ähnliche Zeilen werden zu Gruppen zusammengefasst und durch ihren Mittelwert ersetzt.

Rauschen

Auf jeden Wert kommt Zufall. Der Mittelwert bleibt, die Streuung wächst, der Einzelwert verschwindet. Ohne Korrektur werden Zusammenhänge zu schwach.

Vertauschen (Swapping)

Werte werden zwischen Zeilen getauscht – gezielt dort, wo das Risiko sitzt. Für Zensusdaten schlugen Meindl und Templ 2021/22 Targeted Record Swapping vor.

Post-Randomisierung (PRAM)

Kategorien werden innerhalb einer Zeile nach einer offengelegten Übergangsmatrix umkodiert. Kein Wert ist mehr beweisbar echt.

Ziel: maximaler Nutzen unter der Nebenbedingung, dass das Risiko jeder einzelnen Person unter einer Schwelle bleibt. Welche Schwelle das ist, legt das Szenario fest.

Targeted Record Swapping: Weltbank-Projekte 2021 und 2022, Bukarest · R-Paket sdcMicro (Templ, Kowarik & Meindl 2015, Journal of Statistical Software 67(4))
Was das konkret bringt

Drei Zeilen auf einem österreichischen EU-SILC-Datensatz

# synthetischer EU-SILC-Datensatz für Österreich, 14 827 Personen
sdc <- createSdcObj(eusilc,
        keyVars   = c("age","rb090","db040","pb220a"),
        numVars   = c("py010n","py050n","eqIncome"),
        weightVar = "rb050",
        hhId      = "db030")   # Haushaltsstruktur

sdc <- globalRecode(sdc, "age", breaks = c(0,15,25,35,45,55,65,100))
sdc <- kAnon(sdc, k = 2)
sdc <- microaggregation(sdc)
510 Verletzungen der
2-Anonymität – vorher
0 nachher
9.88 erwartete Re-Identi­fikationen – vorher
0.34 nachher

Nach jedem Schritt werden Risiko und Nutzen automatisch neu berechnet. Genau diese Schleife wird in Teil 5 wieder auftauchen – dann mit einem Sprachmodell darin.

Mit hhId kommt das Haushaltsrisiko dazu: 31.70 vorher, 1.09 nachher. Wer eine Person trifft, hat den Haushalt.

Synthetischer EU-SILC-Datensatz für Österreich (Basis 2006) aus dem R-Paket laeken, 14 827 Personen · gerechnet mit sdcMicro
Der andere Weg

Synthetische Daten

Originaldaten echte Personen Modell lernen Verteilungen, Abhängigkeiten Synthetische Datei keine echte Person Analyse dieselben Resultate? prüfen: stimmen Verteilungen, Zusammenhänge, Schätzungen überein? Jede Zeile ist erfunden – die Zusammenhänge zwischen den Merkmalen sind es nicht.

1993

Rubin schlägt synthetische Daten vor – im Journal of Official Statistics.

2014–2017

synthpop und simPop für die amtliche Statistik (CRAN 2014, JSS 2016/17).

2017–2019

GANs erreichen Mikrodaten: medGAN, dann CTGAN.

seit 2023

Sprachmodelle als Generatoren.

Neuer heisst nicht besser: Beim Nutzen liegen synthpop und simPop vorn, die GAN- und VAE-Generatoren und die Transformer darunter.

Rubin (1993), JOS 9(2) · Nowok, Raab & Dibben (2016), JSS 74(11) · Templ, Meindl, Kowarik & Dupriez (2017), JSS 79(10) · Vergleich: Thees, Novák & Templ (2024), PSD, LNCS, S. 194–209
Was sich ändert – und was nicht

Drei Sätze zu synthetischen Daten

Das Inferenzrisiko verschwindet nicht. Es steckt in genau den Zusammenhängen, die man erhalten will.

Plausibel ist nicht automatisch richtig.

Logikprüfung: Haushalte ohne Erwachsene

Originaldaten 1.00 simPop 1.00 synthpop 0.97 MostlyAI 0.70 arf 0.52 SDV_VAE 0.52 SDV_GC 0.51 GRETEL 0.49 synthcity 0.41 Logik der Originaldaten

Kennzahl NoAdultHH, je Kennzahl skaliert: 1.00 = so sauber wie die Originaldaten.

Nur simPop erreicht die Logik der Originaldaten, synthpop kommt nahe. Was 0.52 konkret heisst: arf erzeugte 1’123’494 Haushalte nur aus Kindern – wahr sind null. Für ein Amt der Ausschlussgrund.

Balken: NoAdultHH aus Thees, Müller & Templ (2026), Abb. 1 · Absolutzahlen aus dem Generatorenvergleich Thees, Novák & Templ (2024), PSD, LNCS, S. 194–209 – anderer Aufbau, hochgerechnet auf 3,7 Mio. Haushalte
Der Beleg

Ein Angriff auf synthetische Daten

  • Ein Vorhersagemodell – hier ein Random Forest – wird ausschliesslich auf den synthetischen Daten trainiert.
  • Dann sagt er den Gesundheitsstatus realer Personen voraus – von Personen, die er nie gesehen hat.
  • Es gibt keine 1:1-Zuordnung mehr. Die Abhängigkeiten zwischen den Merkmalen bleiben aber – und genau die will man ja erhalten.
≈ 82% Genauigkeit auf echten Personen

Und die ehrliche Frage dazu: Was davon ist Offenlegung – und was einfach Statistik, die jedes Modell auf beliebigen echten Daten auch könnte?

Genau dieses Risiko misst RAPID – ein Inferenzrisiko-Mass im CRAN-Paket riskutility: es simuliert den Angreifer als Vorhersagemodell und rechnet gegen die Grundrate auf.

Eigene Auswertung auf Gesundheitsdaten · Templ, Thees & Müller (2026): RAPID, arXiv:2602.09235 · R-Paket riskutility auf CRAN
Teil 4

Zugang statt Anonymisierung?

Ein kurzer Blick auf das Mikrodatenzentrum – und warum das die Frage nicht erledigt.

Der Werkzeugkasten der Datenfreigabe

Fünf Wege, mit Personendaten umzugehen

1 · Public Use

Stark anonymisiert, für alle.

2 · Scientific Use

Weniger vergröbert, mit Vertrag.

3 · Sicherer Raum

Vor Ort, unter Aufsicht.

4 · Fernzugriff

Rechnen in einer gesicherten Umgebung, mit Outputkontrolle.

5 · Rechnen ohne Einblick

Privacy-Preserving Computing. Die Auswertung geht zu den Daten. Niemand sieht eine Zeile.

1 → 5: mehr Information in den Daten – weniger Augen darauf. Auf Stufe 5 keine.

Geschützt: die Eingabe. Nicht die Ausgabe.

Quer dazu: synthetische Daten. Keine Stufe, sondern ein Werkzeug auf jeder.

Als Public-Use-Datei · zum Vorbereiten des Codes für Stufe 4.

Wien, konkret

Das Austrian Micro Data Center

Seit 1. Juli 2022

  • Rechtsgrundlage: § 31 Abs. 3–16 BStatG 2000, 2021 eingefügt.
  • Zugang nur für akkreditierte wissenschaftliche Einrichtungen: 87, mit 78 laufenden und 24 abgeschlossenen Projekten.
  • Gerechnet wird in einer virtuellen Desktop-Infrastruktur: Zwei-Faktor-Authentifizierung, volle Protokollierung, abschliessbarer Raum, am Ende Outputkontrolle.

Outputregeln: mindestens 10 Einheiten je Aggregat, Dominanzregel (2, 80 %).

Was dort nicht passiert

Die Mikrodaten im AMDC sind nicht anonymisiert. Der gesetzliche Massstab ist ein niedrigerer: keine Identifikation

«durch Namen, Anschrift oder anhand einer öffentlich zugänglichen Identifikationsnummer»
§ 31 Abs. 4 BStatG

Statistik Austria selbst spricht von «potentiell indirekt identifizierbaren» Daten und, für die Forschungsphase, von Pseudonymisierung. Verknüpft wird über ein bereichsspezifisches Personenkennzeichen.

Schutz im Zugang, nicht in den Daten. Bewertet wird nicht die Datei, sondern wer hineindarf und was herauskommt.

§ 31 BStatG 2000 · AMDC-FAQ · SDC-Guidelines v1.0 (2025) · Stand 08/2026
Teil 5

Angreiferkosten und agentische KI.

«So viel Aufwand betreibt doch niemand.» – die stille Annahme vom Anfang, jetzt mit Zahlen.

Aus der Verpflichtungserklärung, die Forschende im AMDC unterschreiben:

«… dass ich keine sonstigen Medien und Informationsquellen während des Zugangs nutze.»

Diese Regel schützt den Raum, und das tut sie weiterhin. Sie greift aber nur dort: nicht beim geprüften Output, der hinausgeht, und nicht bei den Dateien, die nie in ein Mikrodatenzentrum kommen – Scientific-Use-Files, offene Daten, beim Broker gekaufte Bewegungsspuren.

Die Vorgeschichte

Der Flaschenhals war nie die Eindeutigkeit

Was wir wussten eindeutig ≠ benannt Was ein Angriff kostete 2007 Krumm 172 Fahrende, zwei Wochen GPS, Telefonbuch ~5 % namentlich identifiziert 2013 de Montjoye et al. vier Raum-Zeit-Punkte, 1,5 Millionen Personen 95 % eindeutig, nicht benannt 2021 Farzanehfar et al. auf Landesgrösse hochgerechnet, bis zu 93 % eindeutig, nicht benannt 2026 nichts Neues über die Eindeutigkeit unverändert: Stunden Facharbeit – pro einzelnem Ziel ?

Neu ist nicht das Risiko. Neu ist, wer die Arbeit macht.

Eindeutigkeit: seit über zehn Jahren belegt.  ·  Was schützte: der Aufwand – geschulte Handarbeit, pro Person.

Krumm (2007) · de Montjoye et al. (2013), Sci. Rep. 3:1376 · Farzanehfar et al. (2021), Patterns 2(3)
Der Bruch

Agentische KI sitzt inzwischen an beiden Enden des Tisches

Als Angreifer

Sucht selbstständig im Web, kombiniert Register, soziale Netzwerke und Verzeichnisse, prüft die Evidenz und benennt eine Person.

Ohne Aufsicht, viele Ziele parallel. Und das Fachwissen muss nicht mehr beim Angreifer sitzen: es steckt im Modell und in dem Kontext, den man ihm mitgibt.

Als Verteidiger

Schlägt Anonymisierungsstrategien vor, führt sie aus, misst den Informationsverlust unter der k-Schranke und bessert nach.

Sieht dabei nie eine Datenzeile – nur Variablennamen, Typen und aggregierte Risikozahlen. Unterschreiben muss ein Mensch.

Beide Rollen laufen auf demselben Modell. Getrennt werden sie durch das, was es sehen darf.

Das Experiment

43 Bewegungsprofile, ein Agententeam, nur öffentliche Quellen

  • 43 Freiwillige in der Schweiz, mit ausdrücklicher Einwilligung.
  • GPS-Spuren über drei Wochen, simuliert um die echten Wohn- und Arbeitsadressen. Freizeitstopps sind erfundenes Rauschen.
  • Der Angreifer erhält eine Gerätespur – so, wie man sie bei einem Datenbroker kauft.
  • Erlaubt sind nur frei zugängliche Webquellen. Keine Fake-Profile, kein Social Engineering, keine Täuschung.
  • Als Treffer zählt nur ein einziger, richtiger Name – von Hand gegen die Angaben aus der Einwilligung geprüft. Nur der Haushalt zählt nicht.
Rasterkarte der Wohn- und Arbeitsanker

Das Raster verdichtet die Pings zuerst grob (rund 111 × 76 m), dann fein (rund 11 × 7,6 m) – und trifft damit das Gebäude.

Thees, Müller & Templ (2026), Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS, angenommen · Kartengrundlage swisstopo
Die Pipeline

Sieben Spezialagenten, sieben Schranken

Orchestrator prüft nach jedem Schritt und bricht ab, sobald eine Schranke greift Eingabeprüfung Struktur und Abdeckung GPS-Analyse Wohn- und Arbeitsanker Geokodierung Koordinate wird Adresse Gebäuderegister Einfamilienhaus oder Block? Kandidaten Verzeichnisse und Register Verifikation Social Media und öffentliche Register Urteil Name, Haushalt oder Abbruch Qualitätsschranken Schema gültig?  ·  Wohn-Cluster gefunden?  ·  Wohnadresse?  ·  Gebäude durchsuchbar?  ·  genug Kandidaten?  ·  Bewertung über der Schwelle?  ·  Identität bestätigt? Greift eine Schranke, endet der Lauf ohne Namen. Die Pipeline rät nicht.

Der Schlüssel ist der vierte Schritt: das Gebäude- und Wohnungsregister entscheidet, ob eine Adresse überhaupt auf eine Person führt. Ein Produkt der amtlichen Statistik ist hier das entscheidende Angriffswerkzeug.

Thees, Müller & Templ (2026), Abb. 1. Prompts, Code, Agenten-Skills und Daten werden bewusst nicht veröffentlicht.
Das Ergebnis

18 von 25 namentlich identifiziert

Name genanntnur Haushalt kein KandidatSumme
tatsächlich identifizierbar 1825 25
nur Haushalt identifizierbar 0202
nicht identifizierbar 1114 16
Summe 19519 43
Zeilen: Wahrheit. Spalten: Urteil der Pipeline.
72% 18 von 25 – der öffentlich auffindbaren Personen
41.9% 18 von 43 – aller Spuren
94.7% Präzision: 19 Namen genannt, 18 richtig
87.5% korrekt abgebrochen, wenn nichts zu finden war

Was den Erfolg treibt: ein Eintrag im öffentlichen Einwohnerverzeichnis, ein Einfamilienhaus, ein nachprüfbarer Arbeitsort.

Thees, Müller & Templ (2026), Tab. 1
Die Antwort auf die Frage von vorhin

Was kostet ein Angriff heute?

2.24$ pro Person, zu Listenpreisen
17min unbeaufsichtigte Rechenzeit
58 500 erzeugte Tokens
0 beteiligte Menschen

Und in grossem Massstab?

Alle 43 Läufe an einem Tag, vierfach parallel. Hochgerechnet: 10 000 Ziele für rund 22 400 $.

Eigene Hochrechnung. Zugriffssperren bei dieser Grössenordnung sind nicht gemessen. Mit offenen Modellen auf eigener Hardware sinkt der Preis weiter: eher eine Ober- als eine Untergrenze.

Ehrlich bleiben

Es wurde kein Vergleich mit einem menschlichen Ermittler gemessen. Der Vorteil ist nicht das Tempo im Einzelfall, sondern: billig, parallel, ohne Menschen.

Thees, Müller & Templ (2026), S. 10–11 · Staab et al. (2024) messen für LLM-Inferenz rund 100-mal tiefere Kosten und 240-mal höheres Tempo als menschliche Ermittler
Die andere Seite des Tisches

KI als Verteidiger

Vorschlagen Sprachmodell schlägt Strategien vor Ausführen geprüfte sdcMicro-Aufrufe Messen Informationsverlust, k als Schranke Mensch entscheidet unterschreibt den R-Code nachbessern, bis nichts mehr besser wird Datenschutz-Firewall: das Modell sieht nur das Codebuch – Variablennamen, Typen, aggregierte Risikozahlen. Nie eine Datenzeile.
~18s mit GPT-4.1 bis zur 3-Anonymität auf allen 4 580 Zeilen des Testdatensatzes

Weniger als 1 % der Schlüsselzellen unterdrückt, die besetzten Ausprägungen gehen um weniger als 3 % zurück.

Mit GPT-5.5 gut zwei Minuten – dort halbiert die Rückkopplung den Informationsverlust gegenüber fünf unabhängigen Vorschlägen (k = 3).

Die ehrliche Grenze

Lokales 8-Mrd.-Modell: Variablen einordnen – ja, 15 von 15. Anonymisieren – nein, 0 von 30.

Gescheitert ist die Ausführung: Die Schleife nimmt nur gültige Werkzeugaufrufe an. Ob die Vorschläge inhaltlich taugten, wurde nicht gemessen.

Templ (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control of microdata in R. SoftwareX, in Begutachtung · sdcMicro 5.8.2 auf CRAN
Ausblick

Woran wir gerade arbeiten

Längsschnitt- und Ereignisdaten

Mobilität · Ereignisdaten · klinische Studien.
Jede weitere Welle: eindeutiger.

Risiko über Record Linkage

Probabilistisch, bayesianisch · distanzbasiert.
Für Längsschnitte bisher kein brauchbares Mass.

Synthetische Bevölkerung im Verkehr

SynPop-Datensatz.
Verkehrsmodelle ohne echte Wege.

Risiko bei fehlenden Werten

NA im Schlüssel passt überall.
Häufigkeit mehrdeutig → über den rekonstruierenden Angreifer.

Optimale lokale Unterdrückung

kAnon(): heute heuristisch, künftig exakt
– über gemischt-ganzzahlige lineare Programme (MILP).

Weiter an beidem:
KI-gestützte Angriffe · KI als Anonymisierer.

SNF BRIDGE Discovery 40B2-0-211751 (mit Murat Sariyar, BFH) · SBB Research Fund, mit dem Bundesamt für Statistik · Templ & Meindl zum Risiko bei fehlenden Werten · SwissAnon, FHNW
Zum Schluss

Fünf Sätze zum Mitnehmen

  1. Risiko ist keine Eigenschaft eines Datensatzes, sondern eines Szenarios.
  2. Jedes Szenario hat einen Preis – und dieser Preis ist auf 2 Dollar (zu Listenpreisen) und 17 Minuten gefallen.
  3. Risiko und Nutzen sind beide mehrdimensional. Je eine Zahl versteckt die Schwäche, auf die es ankommt.
  4. Synthetische Daten verschieben das Risiko. Sie beseitigen es nicht.
  5. Dieselbe KI, die angreift, kann verteidigen – mit Datenschutz-Firewall und Mensch am Schluss.

Danke.

Fragen?

Matthias Templ · matthias.templ@fhnw.ch
FHNW School of Business (ICC), Olten · swissanon.com
Thees, Müller & Templ (2026): Beyond the trade-off curve. Journal of Official Statistics, angenommen
Thees, Müller & Templ (2026): Agentic AI-powered re-identification. Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS, angenommen
Templ (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control. SoftwareX, in Begutachtung
Templ, Thees & Müller (2026): RAPID. arXiv:2602.09235 · R-Paket riskutility auf CRAN
Zur Studie: Wie ein Schweizer Forscher in ein paar Tagen die Basis für ein mächtiges Überwachungsinstrument schuf. NZZ, 30. August 2026
Zum Nachlesen

Literatur

Grundlagen und fremde Arbeiten

  • Benedetti, R., Franconi, L. (1998): Statistical and technological solutions for controlled data dissemination. NTTS, Sorrento.
  • de Montjoye, Y.-A. et al. (2013): Unique in the crowd. Scientific Reports 3, 1376.
  • Domingo-Ferrer, J., Torra, V. (2008): A critique of k-anonymity and some of its enhancements. ARES, 990–993.
  • Duncan, G. T., Keller-McNulty, S. A., Stokes, S. L. (2001): Disclosure risk vs data utility. NISS Technical Report 121.
  • Dwork, C. (2006): Differential privacy. ICALP, 1–12.
  • Farzanehfar, A., Houssiau, F., de Montjoye, Y.-A. (2021): The risk of re-identification remains high even in country-scale location datasets. Patterns 2(3), 100204.
  • Golle, P. (2006): Revisiting the uniqueness of simple demographics in the US population. WPES.
  • Krumm, J. (2007): Inference attacks on location tracks. Pervasive, LNCS, 127–143.
  • Machanavajjhala, A. et al. (2007): l-Diversity. ACM TKDD 1(1), Art. 3.
  • Mühlhoff, R. (2021): Predictive privacy. Ethics and Information Technology 23.
  • Nowok, B., Raab, G. M., Dibben, C. (2016): synthpop. Journal of Statistical Software 74(11).
  • Ronning, G. et al. (2005): Handbuch zur Anonymisierung wirtschaftsstatistischer Mikrodaten. Statistik und Wissenschaft 4, Statistisches Bundesamt.
  • Rubin, D. B. (1993): Statistical disclosure limitation. Journal of Official Statistics 9(2), 461–468.
  • Staab, R. et al. (2024): Beyond memorization. ICLR, arXiv:2310.07298.
  • Sweeney, L. (2000): Simple demographics often identify people uniquely. Carnegie Mellon, Data Privacy Working Paper 3.
  • Sweeney, L. (2002): k-Anonymity. Int. J. Uncertainty, Fuzziness and Knowledge-Based Systems 10(5), 557–570.

Eigene Arbeiten

  • Templ, M. (2017): Statistical Disclosure Control for Microdata – Methods and Applications in R. Springer, Cham.
  • Templ, M., Kowarik, A., Meindl, B. (2015): sdcMicro. Journal of Statistical Software 67(4).
  • Templ, M., Meindl, B., Kowarik, A., Dupriez, O. (2017): simPop. Journal of Statistical Software 79(10).
  • Thees, O., Novák, J., Templ, M. (2024): Evaluation of synthetic data generators on complex tabular data. PSD, LNCS, 194–209.
  • Thees, O., Müller, R., Templ, M. (2026): Beyond the trade-off curve. Journal of Official Statistics, angenommen. arXiv:2510.23500.
  • Thees, O., Müller, R., Templ, M. (2026): Agentic AI-powered re-identification. PSD, Springer LNCS, angenommen.
  • Templ, M., Thees, O., Müller, R. (2026): RAPID. arXiv:2602.09235.
  • Templ, M. (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control of microdata in R. SoftwareX, in Begutachtung.

Rechtsgrundlagen und Software

  • DSGVO (EU) 2016/679, Erwägungsgrund 26.
  • Bundesstatistikgesetz (Deutschland), § 16 Abs. 6.
  • Bundesstatistikgesetz 2000 (Österreich), § 31 Abs. 3–16.
  • R-Pakete auf CRAN: sdcMicro, simPop, laeken, riskutility.
Reserve

Fragen, die erfahrungsgemäss kommen.

Reserve 1

Fünf Risiko- und fünf Nutzenkennzahlen messen Verschiedenes

Risiko

  • RepU – wurden echte Zeilen reproduziert?
  • TCAP – lässt sich ein sensibles Merkmal zuordnen?
  • RAPID – wie viel Inferenz erlaubt die Freigabe?
  • MIA – lässt sich die Teilnahme erkennen?
  • DCR – wie nah liegen synthetische an echten Zeilen?

Nutzen

  • pMSE – sind echt und synthetisch unterscheidbar?
  • CIProx – stimmen die Konfidenzintervalle?
  • Wasserstein – stimmen die Verteilungen?
  • CMD – bleibt die Korrelationsstruktur erhalten?
  • NoAdultHH – sind die Daten logisch möglich?

5 × 5 = 25 Karten, wenn man alle Paare zeigen will.

Oder ein Mittelwert – in dem die eine kritische Schwäche verschwindet.

Thees, Müller & Templ (2026): Beyond the trade-off curve. Journal of Official Statistics, angenommen
Reserve 2

Hängt die Pareto-Front nicht von der Skalierung ab?

Ja und nein – und der Unterschied ist der Punkt. Die multivariate Front ist skalierungsinvariant: monotone Transformationen je Kennzahl ändern keine Dominanzbeziehung. Skalierungsabhängig ist erst die zusammengefasste Karte.

SkalierungPareto-optimal auf der zusammengefassten Karte
rohVerfahren 3, Verfahren 4
Min-MaxVerfahren 2, Verfahren 3, Verfahren 4
z-StandardisierungVerfahren 2, Verfahren 3

Das Paper sagt es selbst: die Dominanz wird auf den zusammengefassten Werten ausgewertet, nicht auf den rohen Vektoren. Deshalb gehört die gewählte Standardisierung in jeden Bericht – und deshalb keine Risikoschwelle auf eine zusammengesetzte Achse, sondern auf die Achse der einzelnen Kennzahl.

Thees, Müller & Templ (2026), Anhang B, Tab. 9
Reserve 3

Wie belastbar ist das Angriffsexperiment?

Grenzen, die das Paper selbst nennt

  • n = 43, nur Schweiz, nur ein Spurengenerator.
  • Jeder Fall einmal gelaufen – keine Streuung gemessen.
  • Keine Baseline gegen einen menschlichen Ermittler und kein Vergleich mit einer nicht-agentischen Lösung.
  • Ergebnisse gelten unter den Sicherheitsfiltern eines kommerziellen Spitzenmodells.

Was es trotzdem zeigt

Es ist eine Machbarkeitsstudie, keine Bevölkerungsschätzung. Aber für die Frage, ob eine Re-Identifikation «nach allgemeinem Ermessen wahrscheinlich» ist, genügt der Nachweis, dass sie billig gelingt und im Betrieb keinen Menschen mehr braucht.

Reserve 4

Was als Nächstes billiger wird

Modelle, die zu Hause laufen

  • Offene Modelle auf handelsüblicher Hardware senken den Kostenboden weiter.
  • Ohne Aufruf bei einem Anbieter gibt es kein Protokoll, in dem so ein Lauf auffällt – und keinen Zugang, den jemand sperren könnte.
  • Und keine Sicherheitsfilter des Anbieters.

Agenten, die Kontakt aufnehmen

  • Anrufe, E-Mails, gefälschte Profile.
  • Geolokalisierung aus Fotos, Gesichtserkennung, Personensuchdienste.
  • Technisch heute möglich – in dieser Studie bewusst nicht getan.

Das sind Skizzen, keine Messungen. Aber die Richtung ist eindeutig: die Zahlen von vorhin sind eher eine Obergrenze der Kosten als eine Untergrenze.

Thees, Müller & Templ (2026), S. 12
Reserve 5

Warum kommt Differential Privacy nicht vor?

Was sie leistet

Eine beweisbare Schranke: Ob eine einzelne Person in den Daten ist oder nicht, darf das Ergebnis nur um den Faktor eε verändern.

Damit ist sie das einzige Verfahren hier, das ohne Annahme über den Angreifer auskommt – und deshalb gegen die Kostenfrage immun.

Warum sie hier trotzdem fehlt

  • Sie beantwortet eine andere Frage: nicht «wie riskant ist diese Datei», sondern «was kostet diese Auswertung an Budget».
  • Für ganze Mikrodatensätze mit brauchbarem ε ist sie in der amtlichen Statistik bis heute die Ausnahme.
  • Und sie löst das Inferenzproblem nicht, sie definiert es weg: Was aus der Population lernbar ist, gilt nicht als Schaden.

Genau dort trennen sich Dwork und Mühlhoff – und dort liegt das Inferenzrisiko aus Teil 3.

Dwork (2006): Differential privacy. ICALP 2006 · Mühlhoff (2021): Predictive privacy. Ethics Inf. Technol. 23
Reserve 6

Was sollte die amtliche Statistik jetzt tun?

  • Risikomodelle formulieren, die agentische Angreifer explizit einpreisen – nicht den Menschen mit dem Telefonbuch.
  • Verfahren mit formalen Garantien bevorzugen, wo der Kostenvorteil eines Angriffs gross ist.
  • Bei Rohdaten mit Raum-Zeit-Bezug: abgestufte Zugangsregime statt Public Use.
  • Öffentliche Register als Angriffsfläche mitdenken. Sie sind heute der wirksamste Hebel des Angreifers.
  • Und: die eigenen Freigaben selbst angreifen, bevor es andere tun.

Der Aufruf des Papers wörtlich: die SDC-Gemeinschaft solle agentische KI-Angreifer als reale und nicht als hypothetische Bedrohung behandeln.

Reserve 7

Die Abbildung aus dem Paper

Abbildung 3 aus Thees, Müller und Templ: Composite-Risiko gegen
                     Composite-Nutzen mit Pareto-Front und Steigungen

Was hier anders ist als auf Folie 16

Gezeichnet sind Einzelreplikate, nicht Mittelwerte, und die Achsen sind gewichtete Composites (ω, α) statt einfacher Mittel. Die Front und das Knie fallen gleich aus.

Die Steigungen an der Front

Jede Zahl an der Front ist ΔRisiko / ΔNutzen. Der letzte Schritt zum Original: 27.68 hier, 19.5 auf den einfachen Mitteln von Folie 16.

Thees, Müller & Templ (2026), Beyond the trade-off curve, Abb. 3 · Journal of Official Statistics