SwissAnon
5. Zürcher Datenschutztagung · Paulus Akademie Zürich · 24. September 2026

Pseudonymisierung, Anonymisierung und synthetische Daten.

Was funktioniert bei KI wirklich?

Prof. Dr. Matthias Templ
FHNW School of Business, Institute for Competitiveness and Communication, Olten
Leiter Competence Center «Data Quality und Anonymization» · SwissAnon – Swiss Data Anonymization Center
24. September 2026 · 11:35 Uhr · KI in der öffentlichen Verwaltung. Chancen nutzen, Daten schützen.
Vorab ein Dank

Der KI-Angreifer ist Teamarbeit

Oscar Thees

FHNW, Olten · Erstautor der Studie

Roman Müller

FHNW, Olten · Erstautor der Studie

Was Sie heute über KI als Angreifer sehen, ist unsere gemeinsame Forschung. Herzlichen Dank, Oscar und Roman.

Thees, Müller & Templ (2026): Agentic AI-powered re-identification. Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS · arXiv:2606.27936 · Thees und Müller mit gleichem Beitrag · gefördert vom SNF, Projekt 211751
Zum Einstieg

Sie haben es vielleicht gelesen

17min pro Person, unbeaufsichtigt
2.24$ pro Person, Rechenkosten
18von 43 Bewegungsspuren einem Namen zugeordnet

Die Studie dahinter

Oscar Thees · Roman Müller · Matthias Templ

FHNW, SwissAnon – gemeinsame Arbeit, gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds. Publiziert 2026 in Privacy in Statistical Databases.

In 35 Minuten wissen Sie, was hinter diesen Zahlen steckt – und was sie für die drei Begriffe im Titel bedeuten.

Gioia da Silva, NZZ am Sonntag, 30. August 2026 · Thees, Müller & Templ (2026): Agentic AI-powered re-identification. Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS · arXiv:2606.27936
Teil 1

Drei Begriffe, ein Massstab.

Was pseudonymisiert, anonymisiert und synthetisch versprechen – und woran alle drei hängen.

Drei Begriffe

Was pseudonymisiert, anonymisiert und synthetisch versprechen

Pseudonymisiert

Name und Adresse durch einen Code ersetzt. Der Schlüssel zum Code existiert – irgendwo.

Auch ohne Schlüssel bleiben Alter, Wohnort, Beruf, Bewegungen. Und die sind verknüpfbar.

Personendaten

Anonymisiert

Personenbezug «nachträglich dauerhaft beseitigt».

Keine Personendaten, «wenn die Reidentifizierung nicht oder nur mit einem unverhältnismässigen Aufwand möglich ist».

keine Personendaten – unter einer Bedingung

Synthetisch

Jede Zeile ist erfunden. Die Zusammenhänge zwischen den Merkmalen sind es nicht.

Ob anonym, entscheidet die Messung – nicht das Etikett.

kein Rechtsbegriff

Alle drei hängen an derselben Frage: Was kostet die Re-Identifizierung?

§ 3 Abs. 3 IDG (LS 170.4) · Zitate: DSB Kanton Zürich, Lexikon «Anonymisierte Daten» · DSGVO, Erwägungsgrund 26
Das Lehrbuchbeispiel

Zwei Tabellen, eine Verknüpfung

Öffentliches Verzeichnis

NameGemeindeBerufGeschl.
Max MusterStadelProfessorM
Anna BeiStadelÄrztinW
Urs FreiZürichProfessorM

Anonymisierte Erhebung

GemeindeBerufGeschl.Häufigkeit Einkommen
StadelProfessorM 1176 456
ZürichProfessorM 18…
Schlüsselhäufigkeit 1 gegen 18.

Häufigkeit 1

Ein eindeutiger Treffer. Das Einkommen ist offengelegt.

Häufigkeit 18

Kein eindeutiger Treffer: 18 Personen teilen diese Kombination.

Nach Templ (2017): Statistical Disclosure Control for Microdata, Springer, Kap. 3
Der Klassiker

20 Dollar für ein Wählerverzeichnis

  • Massachusetts gab in den 1990er-Jahren Krankenversicherungsdaten der öffentlich Bediensteten zu Forschungszwecken frei – ohne Namen und Adressen.
  • Latanya Sweeney kaufte für rund 20 $ das Wählerverzeichnis von Cambridge.
  • Gemeinsame Merkmale: Postleitzahl, Geburtsdatum, Geschlecht. Damit fand sie die Krankenakte des amtierenden Gouverneurs – und schickte sie ihm zu.

William Weld, 1991–1997 Gouverneur von Massachusetts – der Patient in Sweeneys Beispiel.

Daten ohne Namen sind noch keine anonymen Daten.

Das Wählerverzeichnis von 1997 heisst heute Zefix, Telefonbuch, LinkedIn, Open Data. Und die Datei von Massachusetts hiesse heute: pseudonymisiert.

Sweeney (2000): Simple demographics often identify people uniquely · Golle (2006), WPES · Sweeney (2002): k-Anonymity
Die Taxonomie

Vier Arten der Offenlegung

PersonAlterGeschlechtRegion LernstörungPrüfungsangst
P110–19weiblichHuntington nein9
P530–39männlichEdmond ja5
P630–39männlichAlkol ja3
P750–59weiblichJesse nein2
P850–59weiblichJesse ja3

Identität

«Sally, 18, weiblich, hat teilgenommen.»
Genau eine Zeile passt – alle ihre Antworten sind bekannt.

Attribut

«Tom, 34, männlich.»
P5 oder P6 – welche Zeile er ist, bleibt unbestimmt. Beide tragen denselben Wert, damit ist sein Merkmal offengelegt.

Mitgliedschaft

«Ist Nicole überhaupt in der Erhebung?»
Sensibel, wenn schon die Teilnahme etwas verrät, etwa bei einer Klinikstichprobe. Aus drei Zeilen folgt ihre Teilnahme erst, wenn in der Bevölkerung niemand sonst passt.

Inferenz

«Alter und Geschlecht sagen Prüfungsangst voraus.»
Das Modell trifft Aussagen über Personen, die gar nicht in den Daten sind.

Nach Domingo-Ferrer & Torra (2008) und der Illustration aus Templ et al., Anonymization in Psychology
Wer ist eigentlich der Angreifer?

Ohne Szenario keine Risikozahl

Der neugierige Nachbar

Kennt eine Person und ihre Merkmale. Sucht deren Zeile.

Wenig Wissen, hohe Motivation. Das typische Szenario für offene Daten.

Das Archiv

Verfügt über eine ganze externe Datei und sucht systematisch nach Treffern.

Viel Wissen, viele Ziele. Das Szenario für Register und kommerzielle Datensätze.

Die Differenz

Stellt einem Abfragesystem zwei fast identische Fragen und liest die Antwort aus der Differenz.

Das Szenario für Tabellen und Auswertungsdienste.

Der KI-Agent

Kennt niemanden – aber alles, was über jeden im Netz steht: Register, Open Data, Broker-Spuren. Und verknüpft es selbst.

Wissen des Archivs, Ausdauer des Nachbarn, zwei Dollar pro Person. Dazu Teil 4.

Jede Risikozahl ist eine bedingte Grösse: bedingt auf das Wissen, das man dem Angreifer unterstellt. Ohne diese Bedingung steht in keiner DSFA eine prüfbare Zahl.

Die naheliegende Antwort – und ihre Lücke

Wenn k-Anonymität nicht genügt

AlterGeschlechtPLZDiagnose
30–39männlich405** Grippe
30–39männlich405** Bruch
30–39männlich405** Grippe
50–59weiblich 412**Krebs
50–59weiblich 412**Krebs
50–59weiblich 412**Krebs
Jede Kombination dreimal: k = 3 ist erfüllt.

k-Anonymität: jede Äquivalenzklasse mindestens k Zeilen. Wirksam gegen Identitätsoffenlegung.

Die Lücke · Homogenität

Wer weiss, dass eine 55-jährige Frau in der unteren Klasse steht, kennt die Diagnose.

Setzt Teilnahmewissen voraus: bei einer Vollerhebung geschenkt, bei einer Stichprobe nicht. l-Diversität verlangt Vielfalt im sensiblen Merkmal.

Und in der Verwaltung?

Register und Fachanwendungen sind Vollerhebungen. Die Teilnahme ist bekannt – diese Lücke steht immer offen. Deshalb genügt k allein nie: das sensible Merkmal braucht Vielfalt in jeder Gruppe.

Sweeney (2002) · Machanavajjhala et al. (2007) für l-Diversität
Die stille Annahme

Jedes Szenario hat einen Preis

«So viel Aufwand betreibt doch niemand.»

Auf diesem Satz ruht jede Datenfreigabe. Das Recht nennt ihn beim Namen: Aufwand. Und er ist eine ökonomische Behauptung, keine mathematische.

DSB Kanton Zürich

Keine Personendaten, wenn die Reidentifizierung «nicht oder nur mit einem unverhältnismässigen Aufwand» möglich ist.

DSGVO, Erwägungsgrund 26

Massgeblich sind alle Mittel, die nach allgemeinem Ermessen wahrscheinlich genutzt werden – Kosten und Zeitaufwand eingerechnet.

EuGH, EDPS/SRB, 4. September 2025

Pseudonymisierte Daten sind für den Empfänger keine Personendaten, wenn er die Person mit vernünftigerweise einsetzbaren Mitteln nicht identifizieren kann.

Alle drei binden den Schutz an Aufwand. Gemessen hat ihn bisher niemand. Wir kommen darauf zurück – in Teil 4, mit Zahlen.

DSB Kanton Zürich, Lexikon «Anonymisierte Daten» · DSGVO, EG 26 · EuGH, C-413/23 P, EDPS/SRB, 4.9.2025 (sinngemäss)
Teil 2

Anonymisierung funktioniert.

Wenn man sie misst. Eine Karte, sechs Werkzeuge, ein Vorher-Nachher.

Der Klassiker der Abwägung

Die Risiko-Nutzen-Karte

Datennutzen → Offenlegungsrisiko → Risikoschwelle Nutzenschwelle Zielzone Originaldaten Verfahren 1 Verfahren 2 Verfahren 3 Verfahren 4 keine Daten

Vier Felder

Oben rechts: brauchbar, aber zu riskant.
Unten links: sicher, aber wertlos.
Oben links: das Schlimmste aus beidem.
Unten rechts: das Ziel.

Anonymisierung ist eine Bewegung auf dieser Karte: vom Original nach links unten – so weit wie nötig, so wenig wie möglich.

Duncan, G. T., Keller-McNulty, S. A., Stokes, S. L. (2001): Disclosure risk vs data utility – the R-U confidentiality map. NISS Technical Report 121
Der klassische Weg

Der Werkzeugkasten

Vergröbern

Alter 34 wird zu 30–39, Gemeinde wird zu Kanton. Kein Wert wird falsch – nur ungenauer.

Unterdrücken

Einzelne Zellen werden gelöscht, gezielt dort, wo das Risiko sitzt.

Mikroaggregation

Ähnliche Zeilen werden zu Gruppen zusammengefasst und durch ihren Mittelwert ersetzt.

Rauschen

Auf jeden Wert kommt Zufall. Der Mittelwert bleibt, die Streuung wächst, der Einzelwert verschwindet. Ohne Korrektur werden Zusammenhänge zu schwach.

Vertauschen (Swapping)

Werte werden zwischen Zeilen getauscht – gezielt dort, wo das Risiko sitzt. Für Zensusdaten schlugen Meindl und Templ 2021/22 Targeted Record Swapping vor.

Post-Randomisierung (PRAM)

Kategorien werden innerhalb einer Zeile nach einer offengelegten Übergangsmatrix umkodiert. Kein Wert ist mehr beweisbar echt.

Ziel: maximaler Nutzen unter der Nebenbedingung, dass das Risiko jeder einzelnen Person unter einer Schwelle bleibt. Welche Schwelle das ist, legt das Szenario fest.

Targeted Record Swapping: Weltbank-Projekte 2021 und 2022, Bukarest · R-Paket sdcMicro (Templ, Kowarik & Meindl 2015, Journal of Statistical Software 67(4))
Was das konkret bringt

Vorher, nachher: Anonymisierung ist messbar

510 Personen, auf vier Merkmalen eindeutig – vorher
0 nachher
9.88 erwartete Re-Identi­fikationen – vorher
0.34 nachher
31.70 dasselbe auf Haushaltsebene – vorher
1.09 nachher

So sieht das aus

# Beispieldatensatz, 14 827 Personen
sdc <- createSdcObj(eusilc,
        keyVars = c("age","rb090","db040","pb220a"),
        weightVar = "rb050", hhId = "db030")
sdc <- globalRecode(sdc, "age", breaks = c(0,15,25,35,45,55,65,100))
sdc <- kAnon(sdc, k = 2)
sdc <- microaggregation(sdc)

Drei Schritte: vergröbern, unterdrücken, mikroaggregieren. Nach jedem Schritt werden Risiko und Nutzen neu berechnet.

Nachvollziehbar, wiederholbar, prüfbar – der Satz, der in eine DSFA gehört.

Beispieldatensatz: synthetischer EU-SILC aus dem R-Paket laeken, 14 827 Personen in 6 000 Haushalten · gerechnet mit sdcMicro 5.8 · Kennzahl: erwartete Zahl korrekt zugeordneter Personen
Muss man denn immer anonymisieren?

Fünf Wege, mit Personendaten umzugehen

1 · Public Use

Stark anonymisiert, für alle.

2 · Scientific Use

Weniger vergröbert – mit Vertrag oder Verfügung und Auflagen.

3 · Sicherer Raum

Vor Ort, unter Aufsicht.

4 · Fernzugriff

Rechnen in einer gesicherten Umgebung, mit Outputkontrolle.

5 · Rechnen ohne Einblick

Privacy-Preserving Computing. Die Auswertung geht zu den Daten. Niemand sieht eine Zeile.

1 → 5: mehr Information in den Daten – weniger Augen darauf. Auf Stufe 5 keine.

Geschützt: die Eingabe. Nicht die Ausgabe.

Quer dazu: synthetische Daten. Keine Stufe, sondern ein Werkzeug auf jeder.

Als Testdatei für alle · zum Vorbereiten der Auswertung, die dann auf Stufe 4 läuft.

Teil 3

Synthetische Daten.

Was sich ändert – und was nicht.

Der andere Weg

Synthetische Daten

Originaldaten echte Personen Modell lernen Verteilungen, Abhängigkeiten Synthetische Datei keine echte Person Analyse dieselben Resultate? prüfen: stimmen Verteilungen, Zusammenhänge, Schätzungen überein? Jede Zeile ist erfunden – die Zusammenhänge zwischen den Merkmalen sind es nicht.

1993

Rubin schlägt synthetische Daten vor – im Journal of Official Statistics.

2014–2017

synthpop und simPop für Erhebungs- und Registerdaten (CRAN, JSS).

seit 2017

Neuronale Generatoren (GAN, VAE), seit 2023 Sprachmodelle. In Vergleichen liefern die klassischen Verfahren meist die besseren Ergebnisse.

Rubin (1993), JOS 9(2) · Nowok, Raab & Dibben (2016), JSS 74(11) · Templ, Meindl, Kowarik & Dupriez (2017), JSS 79(10) · Vergleiche: Thees, Novák & Templ (2024), PSD, LNCS, S. 194–209 · Fössing & Drechsler (2024), PSD, LNCS, S. 178–193
Was sich ändert – und was nicht

Drei Sätze zu synthetischen Daten

Das Inferenzrisiko verschwindet nicht. Ein Modell, das nur synthetische Daten kennt, sagt Merkmale echter Personen voraus.

Plausibel ist nicht automatisch richtig.

Logikprüfung: Haushalte ohne Erwachsene

Originaldaten 1.00 simPop 1.00 synthpop 0.97 MostlyAI 0.70 arf 0.52 SDV_VAE 0.52 SDV_GC 0.51 GRETEL 0.49 synthcity 0.41 Logik der Originaldaten

Kennzahl NoAdultHH, je Kennzahl skaliert: 1.00 = so sauber wie die Originaldaten.

Nur simPop erreicht die Logik der Originaldaten. Im Vergleich von 2024, hochgerechnet auf 3,7 Mio. Haushalte: synthpop 143’276 Haushalte nur aus Kindern, arf 1’123’494 – wahr sind null. Für Testdaten ein Ausschlussgrund.

Balken: NoAdultHH aus Thees, Müller & Templ (2026), Abb. 1 · Absolutzahlen aus dem Generatorenvergleich Thees, Novák & Templ (2024), PSD, LNCS, S. 194–209 – anderer Aufbau, hochgerechnet auf 3,7 Mio. Haushalte
Gemessen, nicht behauptet

Kein Verfahren ist sicher und nützlich zugleich

Verfahren Nutzen
Mittel aus 5 Massen
Risiko
Mittel aus 5 Massen
Mitgliedschaft
ist die Person drin?
Inferenz
RAPID
Logik
Haushalte ohne Erwachsene
Originaldaten1.001.00 1.000.951.00
synthpop0.980.53 1.000.920.97
simPop0.780.20 0.030.641.00
arf0.330.21 0.040.670.52
fünf weitere Generatoren0.51–0.81 0.18–0.330.18–0.77 0.51–0.780.41–0.70
Je Kennzahl auf 0 bis 1 skaliert; Nutzen- und Risikomittel auf die Originaldaten normiert: 1.00 heisst so nützlich bzw. so riskant wie die Originaldaten. Acht Generatoren, je zehn Replikate; Mittelwerte eigene Rechnung aus den zehn Kennzahlen. Die ganze Tabelle: Reserve 2.

synthpop

Bester Nutzen – und ein Mitgliedschaftsrisiko auf dem Niveau der Originaldaten. Wer drin war, ist erkennbar.

Inferenz

Bleibt bei jedem Generator hoch (0.51 bis 0.92). Das Inferenzrisiko überlebt jede Synthese.

Die Wahl

Wo man zwischen Nutzen und Risiko steht, ist eine Governance-Entscheidung – keine statistische.

Thees, Müller & Templ (2026), Beyond the trade-off curve, Journal of Official Statistics, Abb. 1 · EU-SILC-Daten, n = 13 513 · kein Generator-Benchmark: die Verfahren wurden nicht ausgiebig getunt
Teil 4

KI als Angreifer.

«So viel Aufwand betreibt doch niemand.» – die stille Annahme vom Anfang, jetzt mit Zahlen.

Die Vorgeschichte

Der Flaschenhals war nie die Eindeutigkeit

Was wir wussten eindeutig ≠ benannt Was ein Angriff kostete 2007 Krumm 172 Fahrende, zwei Wochen GPS, Telefonbuch ~5 % namentlich identifiziert 2013 de Montjoye et al. vier Raum-Zeit-Punkte, 1,5 Millionen Personen 95 % eindeutig, nicht benannt 2021 Farzanehfar et al. auf Landesgrösse hochgerechnet, bis zu 93 % eindeutig, nicht benannt 2026 nichts Neues über die Eindeutigkeit unverändert: Stunden Facharbeit – pro einzelnem Ziel ?

Neu ist nicht das Risiko. Neu ist, wer die Arbeit macht.

Eindeutigkeit: seit über zehn Jahren belegt.  ·  Was schützte: der Aufwand – geschulte Handarbeit, pro Person.

Krumm (2007) · de Montjoye et al. (2013), Sci. Rep. 3:1376 · Farzanehfar et al. (2021), Patterns 2(3)
Woher die Spur kommt

Datenbroker: «anonymisiert» heisst hier nur ohne Namen

  • Rund 40 000 Apps geben Standortdaten weiter – Wetter, Dating, Spiele, Navigation.
  • Ein einziger Broker-Datensatz: 12 Millionen Telefone, über 50 Milliarden Standortpings.
  • «Anonymisiert» heisst beim Broker: Name und Gerätekennung entfernt, die Spur bleibt in voller Auflösung – pseudonymisiert.
  • Dezember 2024: Die US-Handelsaufsicht FTC geht gegen zwei Broker vor – Verkauf sensibler Standortdaten.

Eine Kostprobe

Ein Broker bot unserem Team die Spuren von 800 000 Geräten an – gratis, in der Hoffnung auf einen Kauf.

In der Studie nur zur Kalibrierung der simulierten Spuren verwendet – Takt, Genauigkeit, Lücken. Niemand aus diesem Datensatz wurde re-identifiziert.

Sie verwalten keine Broker-Daten. Aber Ihre Register sind die andere Hälfte des Angriffs.

Meineck & Dachwitz (2024), netzpolitik.org und BR · Thompson & Warzel (2019), New York Times · FTC, Pressemitteilungen vom 3. Dezember 2024 (Gravy Analytics, Mobilewalla) · Kostprobe: NZZ am Sonntag, 30. August 2026
Das Experiment · Thees, Müller & Templ (2026)

43 Bewegungsprofile, ein Agententeam, nur öffentliche Quellen

  • 43 Freiwillige in der Schweiz, mit ausdrücklicher Einwilligung.
  • GPS-Spuren über drei Wochen, simuliert um die echten Wohn- und Arbeitsadressen. Freizeitstopps sind erfundenes Rauschen.
  • Der Angreifer erhält eine Gerätespur – so, wie man sie bei einem Datenbroker kauft.
  • Erlaubt sind nur frei zugängliche Webquellen. Keine Fake-Profile, kein Social Engineering, keine Täuschung.
  • Als Treffer zählt nur ein einziger, richtiger Name – von Hand gegen die Angaben aus der Einwilligung geprüft. Nur der Haushalt zählt nicht.
Rasterkarte der Wohn- und Arbeitsanker

Das Raster verdichtet die Pings zuerst grob (rund 111 × 76 m), dann fein (rund 11 × 7,6 m) – und trifft damit das Gebäude.

Thees, Müller & Templ (2026), Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS · arXiv:2606.27936 · SNF BRIDGE Discovery 211751 · Kartengrundlage swisstopo
Die Pipeline

Sieben Spezialagenten, sieben Schranken

Orchestrator prüft nach jedem Schritt und bricht ab, sobald eine Schranke greift Eingabeprüfung Struktur und Abdeckung GPS-Analyse Wohn- und Arbeitsanker Geokodierung Koordinate wird Adresse Gebäuderegister Einfamilienhaus oder Block? Kandidaten Verzeichnisse und Register Verifikation Social Media und öffentliche Register Urteil Name, Haushalt oder Abbruch Qualitätsschranken Schema gültig?  ·  Wohn-Cluster gefunden?  ·  Wohnadresse?  ·  Gebäude durchsuchbar?  ·  genug Kandidaten?  ·  Bewertung über der Schwelle?  ·  Identität bestätigt? Greift eine Schranke, endet der Lauf ohne Namen. Die Pipeline rät nicht.

Der Schlüssel ist der vierte Schritt: das Gebäude- und Wohnungsregister entscheidet, ob eine Adresse überhaupt auf eine Person führt. Dazu Telefonbuch, Handelsregister, Firmenwebsites, LinkedIn. Öffentliche Register sind Teil des Szenarios.

Thees, Müller & Templ (2026), Abb. 1. Prompts, Code, Agenten-Skills und Daten werden bewusst nicht veröffentlicht.
Das Ergebnis

18 von 25 namentlich identifiziert

Name genanntnur Haushalt kein KandidatSumme
tatsächlich identifizierbar 1825 25
nur Haushalt identifizierbar 0202
nicht identifizierbar 1114 16
Summe 19519 43
Zeilen: Wahrheit. Spalten: Urteil der Pipeline.
72% 18 von 25 – der öffentlich auffindbaren Personen
41.9% 18 von 43 – aller Spuren
94.7% Präzision: 19 Namen genannt, 18 richtig
87.5% korrekt abgebrochen, wenn nichts zu finden war

Was den Erfolg treibt: ein Eintrag im öffentlichen Einwohnerverzeichnis, ein Einfamilienhaus, ein nachprüfbarer Arbeitsort.

Thees, Müller & Templ (2026), Tab. 1
Die Antwort auf die Frage von Folie 11

Was kostet ein Angriff heute?

2.24$ pro Person, zu Listenpreisen
17min unbeaufsichtigte Rechenzeit
58 500 erzeugte Tokens
0 beteiligte Menschen

«Nur mit unverhältnismässigem Aufwand möglich» – Sie entscheiden.

Und in grossem Massstab?

Alle 43 Läufe an einem Tag, vierfach parallel. Hochgerechnet: 10 000 Ziele für rund 22 400 $ – eigene Hochrechnung. Mit offenen Modellen auf eigener Hardware sinkt der Preis weiter: ohne Anbieterprotokoll, ohne Sicherheitsfilter.

Ehrlich bleiben

Es wurde kein Vergleich mit einem menschlichen Ermittler gemessen. Der Vorteil ist nicht das Tempo im Einzelfall, sondern: billig, parallel, ohne Menschen.

Thees, Müller & Templ (2026), Abschnitt 4 · Staab et al. (2024) messen für LLM-Inferenz rund 100-mal tiefere Kosten und 240-mal höheres Tempo als menschliche Ermittler
Einordnung

Was das Experiment zeigt – und was nicht

Was gilt

Unabhängige Einschätzung in der NZZ (ETH Zürich): glaubwürdig – und nicht überraschend. «Wir wissen seit über zehn Jahren, dass man Menschen anhand ihrer Standortdaten identifizieren kann.»

Eine Machbarkeitsstudie, keine Bevölkerungsschätzung. Für die Frage, ob eine Re-Identifizierung mit vernünftigem Aufwand möglich ist, genügt der Nachweis: billig, unbeaufsichtigt, parallel.

Was offen bleibt

  • n = 43, nur Schweiz, simulierte Spuren.
  • Jeder Fall einmal gelaufen.
  • Kein Vergleich mit einem menschlichen Ermittler.
Thees, Müller & Templ (2026), Abschnitt 5, Limitations · Einschätzung Mark Vero, ETH Zürich, in: NZZ am Sonntag, 30. August 2026
Dieselbe Technik, zwei Rollen

Agentische KI sitzt inzwischen an beiden Enden des Tisches

Als Angreifer

Sucht selbstständig im Web, kombiniert Register, soziale Netzwerke und Verzeichnisse, prüft die Evidenz und benennt eine Person.

Ohne Aufsicht, viele Ziele parallel. Das Fachwissen steckt im Modell und im Kontext, den man ihm mitgibt.

Als Verteidiger

Schlägt Anonymisierungsstrategien vor, führt sie aus, misst den Informationsverlust unter der k-Schranke und bessert nach.

Sieht nie eine Datenzeile – nur Variablennamen, Typen, aggregierte Risikozahlen. Unterschreiben muss ein Mensch.

Beide Rollen laufen auf demselben Modell. Getrennt werden sie durch das, was es sehen darf.

Die andere Seite des Tisches

KI als Verteidiger

Vorschlagen Sprachmodell schlägt Strategien vor Ausführen geprüfte sdcMicro-Aufrufe Messen Informationsverlust, k als Schranke Mensch entscheidet unterschreibt den R-Code nachbessern, bis nichts mehr besser wird Datenschutz-Firewall: das Modell sieht nur das Codebuch – Variablennamen, Typen, aggregierte Risikozahlen. Nie eine Datenzeile.
~18s bis zur 3-Anonymität auf allen 4 580 Zeilen des Testdatensatzes

Weniger als 1 % der Schlüsselzellen unterdrückt, die besetzten Ausprägungen gehen um weniger als 3 % zurück. Der Mensch prüft den Vorschlag und unterschreibt.

Die ehrliche Grenze

Lokales 8-Mrd.-Modell: Variablen einordnen – ja, 15 von 15. Anonymisieren – nein, 0 von 30.

Gescheitert ist die Ausführung: Die Schleife nimmt nur gültige Werkzeugaufrufe an.

Templ (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control of microdata in R. SoftwareX, in Begutachtung · sdcMicro 5.8.2 auf CRAN
Die Titelfrage

Was funktioniert bei KI wirklich? Antwort in fünf Zeilen

BegriffWas funktioniert – und was nicht
Pseudonymisierung Schützt vor dem zufälligen Blick, nicht vor dem Angreifer mit Registern und Agent. Bleibt Personendatenbearbeitung – auch im Prompt.
Anonymisierung Funktioniert, wenn sie gemessen wird: Szenario, Kennzahl vorher und nachher. Nicht, wenn sie behauptet wird.
Synthetische Daten Sehr gut für Test, Entwicklung, Schulung, Sandbox. Nicht automatisch anonym: Mitgliedschafts- und Inferenzrisiko messen.
KI-Modelle selbst Nicht automatisch anonym, wenn mit Personendaten trainiert (EDPB, Opinion 28/2024). Dieselbe Frage, dieselben Messungen.
KI als Anonymisierungshelfer Ja – wenn das Modell nur das Codebuch sieht und ein Mensch unterschreibt.

Funktioniert heisst: gemessen. Nicht: behauptet.

EDPB, Opinion 28/2024 vom 17. Dezember 2024 · DSB Kanton Zürich, Merkblatt «Vorgehen beim Einsatz von KI bei öffentlichen Organen» (2025), Ziff. 1: Personendaten in Prompts, Dokumenten und Trainingsdaten
Zum Schluss

Fünf Sätze – und was daraus folgt

Risiko ist keine Eigenschaft eines Datensatzes, sondern eines Szenarios.

DSFA: mit dem Angreifer rechnen, der Register, Open Data und einen KI-Agenten hat. Workshop DSFA

Ob Daten anonym sind, entscheidet der Aufwand – heute 2 Dollar und 17 Minuten.

Standort- und Bewegungsdaten nie als anonym behandeln – auch nicht, wenn sie so geliefert werden.

Anonymisierung funktioniert, wenn man sie misst. Nicht, wenn man sie behauptet.

Bekanntgabe an die Forschung: «anonymisiert» heisst messbar anonymisiert – mit Szenario und Kennzahl.

Synthetische Daten verschieben das Risiko. Sie beseitigen es nicht.

Sandbox, Test, Pilotierung: Risiko messen, bevor die Datei das Haus verlässt. Workshop Sandbox

Dieselbe KI, die angreift, kann verteidigen – wenn sie die Daten nie sieht und ein Mensch unterschreibt.

KI-Werkzeuge: keine Personendaten im Prompt. Beim Anonymisieren sieht die KI nur das Codebuch. Workshop KI ohne Datenleck

DSB Kanton Zürich, Merkblätter «Personendaten für Forschungsvorhaben» und «Vorgehen beim Einsatz von KI bei öffentlichen Organen» · Workshops am Nachmittag: DSFA für KI · KI-Nutzung ohne Datenleck · Innovation-Sandbox für KI

Danke.

Fragen?

Matthias Templ · matthias.templ@fhnw.ch
FHNW School of Business (ICC), Olten · swissanon.com
Thees, Müller & Templ (2026): Agentic AI-powered re-identification. Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS · arXiv:2606.27936
Thees, Müller & Templ (2026): Beyond the trade-off curve. Journal of Official Statistics, angenommen · arXiv:2510.23500
Templ (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control. SoftwareX, in Begutachtung · sdcMicro auf CRAN
NZZ am Sonntag, 30. August 2026: Wie ein Schweizer Forscher in ein paar Tagen die Basis für ein mächtiges Überwachungsinstrument schuf.
QR-Code: swissanon.com/datenschutztagung2026
swissanon.com/datenschutztagung2026
Folien, Literatur, Links
Zum Nachlesen · 1 von 2

Literatur

Grundlagen und fremde Arbeiten

  • Benedetti, R., Franconi, L. (1998): Statistical and technological solutions for controlled data dissemination. NTTS, Sorrento.
  • de Montjoye, Y.-A. et al. (2013): Unique in the crowd. Scientific Reports 3, 1376.
  • Domingo-Ferrer, J., Torra, V. (2008): A critique of k-anonymity and some of its enhancements. ARES, 990–993.
  • Duncan, G. T., Keller-McNulty, S. A., Stokes, S. L. (2001): Disclosure risk vs data utility. NISS Technical Report 121.
  • Dwork, C. (2006): Differential privacy. ICALP, 1–12.
  • Farzanehfar, A., Houssiau, F., de Montjoye, Y.-A. (2021): The risk of re-identification remains high even in country-scale location datasets. Patterns 2(3), 100204.
  • Fössing, E., Drechsler, J. (2024): An evaluation of synthetic data generators implemented in the Python library synthcity. PSD, LNCS, 178–193.
  • Golle, P. (2006): Revisiting the uniqueness of simple demographics in the US population. WPES.
  • Krumm, J. (2007): Inference attacks on location tracks. Pervasive, LNCS, 127–143.
  • Machanavajjhala, A. et al. (2007): l-Diversity. ACM TKDD 1(1), Art. 3.
  • Meineck, S., Dachwitz, I. (2024): Data broker files. netzpolitik.org und Bayerischer Rundfunk, 16. Juli 2024.
  • Mühlhoff, R. (2021): Predictive privacy. Ethics and Information Technology 23.
  • Nowok, B., Raab, G. M., Dibben, C. (2016): synthpop. Journal of Statistical Software 74(11).
  • Rubin, D. B. (1993): Statistical disclosure limitation. Journal of Official Statistics 9(2), 461–468.
  • Staab, R. et al. (2024): Beyond memorization. ICLR, arXiv:2310.07298.
  • Sweeney, L. (2000): Simple demographics often identify people uniquely. Carnegie Mellon, Data Privacy Working Paper 3.
  • Sweeney, L. (2002): k-Anonymity. Int. J. Uncertainty, Fuzziness and Knowledge-Based Systems 10(5), 557–570.
  • Thompson, S. A., Warzel, C. (2019): Twelve million phones, one dataset, zero privacy. New York Times, 19. Dezember 2019.

Eigene Arbeiten

  • Templ, M. (2017): Statistical Disclosure Control for Microdata – Methods and Applications in R. Springer, Cham.
  • Templ, M., Kowarik, A., Meindl, B. (2015): sdcMicro. Journal of Statistical Software 67(4).
  • Templ, M., Meindl, B., Kowarik, A., Dupriez, O. (2017): simPop. Journal of Statistical Software 79(10).
  • Thees, O., Novák, J., Templ, M. (2024): Evaluation of synthetic data generators on complex tabular data. PSD, LNCS, 194–209.
  • Thees, O., Müller, R., Templ, M. (2026): Agentic AI-powered re-identification: an emerging, scalable threat to mobility microdata privacy. Privacy in Statistical Databases, Springer LNCS. arXiv:2606.27936.
  • Thees, O., Müller, R., Templ, M. (2026): Beyond the trade-off curve. Journal of Official Statistics, angenommen. arXiv:2510.23500.
  • Templ, M., Thees, O., Müller, R. (2026): RAPID. arXiv:2602.09235.
  • Templ, M. (2026): sdcMicro – AI-assisted statistical disclosure control of microdata in R. SoftwareX, in Begutachtung.

Software

  • R-Pakete auf CRAN: sdcMicro, simPop, laeken, riskutility.
Zum Nachlesen · 2 von 2

Recht, Aufsicht, Presse

Schweiz und Kanton Zürich

  • Gesetz über die Information und den Datenschutz (IDG, LS 170.4), § 3 Abs. 3 und 4, § 18, § 23.
  • Bundesgesetz über den Datenschutz (DSG, SR 235.1), Art. 5 lit. a.
  • Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich: Lexikon «Anonymisierte Daten» und «Personendaten», datenschutz.ch.
  • Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich (2025): Merkblatt «Vorgehen beim Einsatz von KI bei öffentlichen Organen», V1.0.
  • Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich: Merkblatt «Personendaten für Forschungsvorhaben».

Europa, USA, Presse

  • DSGVO (EU) 2016/679, Erwägungsgrund 26.
  • EuGH, Urteil vom 4. September 2025, C-413/23 P, EDPS/SRB.
  • EDPB (2024): Opinion 28/2024 on certain data protection aspects related to the processing of personal data in the context of AI models, 17. Dezember 2024.
  • EDPB (2025): Guidelines 01/2025 on pseudonymisation, angenommen am 16. Januar 2025 (Konsultationsfassung).
  • Federal Trade Commission (2024): Pressemitteilungen zu Gravy Analytics und Mobilewalla, 3. Dezember 2024.
  • da Silva, G. (2026): Wie ein Schweizer Forscher in ein paar Tagen die Basis für ein mächtiges Überwachungsinstrument schuf. NZZ am Sonntag, 30. August 2026.
Reserve

Fragen, die erfahrungsgemäss kommen.

Reserve 1

Sind synthetische Daten Personendaten?

Kein Rechtsbegriff, also keine Rechtsantwort. Die technische Antwort steckt in drei der zehn Kennzahlen: Mitgliedschaft (MIA), Nähe zu echten Zeilen (DCR), Inferenz (RAPID).

Risiko

  • RepU – wurden echte Zeilen reproduziert?
  • TCAP – lässt sich ein sensibles Merkmal zuordnen?
  • RAPID – wie viel Inferenz erlaubt die Freigabe?
  • MIA – lässt sich die Teilnahme erkennen?
  • DCR – wie nah liegen synthetische an echten Zeilen?

Nutzen

  • pMSE – sind echt und synthetisch unterscheidbar?
  • CIProx – stimmen die Konfidenzintervalle?
  • Wasserstein – stimmen die Verteilungen?
  • CMD – bleibt die Korrelationsstruktur erhalten?
  • NoAdultHH – sind die Daten logisch möglich?

5 × 5 = 25 Karten, wenn man alle Paare zeigen will.

Oder ein Mittelwert – in dem die eine kritische Schwäche verschwindet.

Thees, Müller & Templ (2026): Beyond the trade-off curve. Journal of Official Statistics, angenommen
Reserve 2 · Zehn Kennzahlen, acht Generatoren

Erst nebeneinander sieht man es

Risiko – klein ist gut Nutzen – gross ist gut
Generator RepUTCAPRAPID MIADCR pMSECIProxWasser­stein CMDNoAdultHH
synthpop ★ 0.190.240.921.000.26 0.970.991.000.950.97
arf 0.170.130.670.040.03 0.520.280.050.270.52
MostlyAI ★ 0.160.090.780.410.10 0.900.890.990.560.70
simPop ★ 0.180.050.640.030.08 0.640.940.990.341.00
GRETEL 0.110.060.620.770.05 0.340.960.970.650.49
synthcity 0.070.070.510.250.01 0.340.630.960.190.41
SDV_GC 0.130.070.600.180.01 0.440.870.880.490.51
SDV_VAE ★ 0.050.050.530.240.01 0.520.870.950.310.52
original ★ 1.001.000.951.001.00 1.001.001.001.001.00
Je fünf Risiko- und Nutzenmasse – die Karte von vorhin kennt nur eine Zahl pro Achse und mittelt die entscheidende Schwäche weg. Alle Kennzahlen auf 0 bis 1 skaliert, ★ = Pareto-optimal; acht Generatoren, je zehn Replikate, plus die Originaldaten.

synthpop

Bester Nutzen – und ein Mitgliedschaftsrisiko auf dem Niveau der Originaldaten.

arf

Geringes Mitgliedschafts- und Distanzrisiko – aber ein Inferenzrisiko wie alle anderen und eine Verteilungstreue, die zusammenbricht.

RAPID

Bleibt bei jedem Generator hoch (0,51 bis 0,92). Das Inferenzrisiko überlebt jede Synthese.

Thees, Müller & Templ (2026), Beyond the trade-off curve, Abb. 1 · EU-SILC Österreich 2013, n = 13 513
Reserve 3 · Multivariate Risiko-Nutzen-Karte

Pareto statt Sieger

Datennutzen → Offenlegungsrisiko → 0 0.5 1.0 0.5 1.0 auf der Front dominiert von hier aus: sicherer und nützlicher zugleich arf synthcity SDV_GC GRETEL SDV_VAE simPop · Knie MostlyAI synthpop Originaldaten der letzte Schritt: viel Risiko, kaum Nutzen

Die Front ersetzt den Sieger durch eine Auswahl. Wo man auf ihr steht, ist eine Governance-Entscheidung – keine statistische.

Pareto-optimal = Auswahlliste

Kein anderes Verfahren ist gleichzeitig sicherer und nützlicher. Vier von acht bleiben übrig.

Warum die grauen wegfallen

GRETEL etwa: simPop ist sicherer und nützlicher zugleich. Damit ist GRETEL aus dem Rennen.

Der letzte Schritt ist der teuerste

Von synthpop zum Original steigt das Risiko 27-mal stärker als der Nutzen.

Praktisch: Die synthetische Datei kostet rund 2 % Nutzen und nimmt gut die Hälfte des Risikos.

Eigene Darstellung aus den Mittelwerten der Kennzahlen in Thees, Müller & Templ (2026), Abb. 1 – der Tabelle von Reserve 2; Steigung 27.68 aus Abb. 3. Kein Generator-Benchmark: die Verfahren wurden nicht ausgiebig getunt.
Reserve 4

Was als Nächstes billiger wird

Modelle, die zu Hause laufen

  • Offene Modelle auf handelsüblicher Hardware senken den Kostenboden weiter.
  • Ohne Aufruf bei einem Anbieter gibt es kein Protokoll, in dem so ein Lauf auffällt – und keinen Zugang, den jemand sperren könnte.
  • Und keine Sicherheitsfilter des Anbieters.

Agenten, die Kontakt aufnehmen

  • Anrufe, E-Mails, gefälschte Profile.
  • Geolokalisierung aus Fotos, Gesichtserkennung, Personensuchdienste.
  • Technisch heute möglich – in dieser Studie bewusst nicht getan.

Das sind Skizzen, keine Messungen. Aber die Richtung ist eindeutig: die Zahlen von vorhin sind eher eine Obergrenze der Kosten als eine Untergrenze.

Thees, Müller & Templ (2026), S. 12
Reserve 5

Warum kommt Differential Privacy nicht vor?

Was sie leistet

Eine beweisbare Schranke: Ob eine einzelne Person in den Daten ist oder nicht, darf das Ergebnis nur um den Faktor eε verändern.

Damit ist sie das einzige Verfahren hier, das ohne Annahme über den Angreifer auskommt – und deshalb gegen die Kostenfrage immun.

Warum sie hier trotzdem fehlt

  • Sie beantwortet eine andere Frage: nicht «wie riskant ist diese Datei», sondern «was kostet diese Auswertung an Budget».
  • Für ganze Mikrodatensätze mit brauchbarem ε ist sie in der Verwaltung wie in der amtlichen Statistik bis heute die Ausnahme.
  • Und sie löst das Inferenzproblem nicht, sie definiert es weg: Was aus der Population lernbar ist, gilt nicht als Schaden.

Genau dort trennen sich Dwork und Mühlhoff – und dort liegt das Inferenzrisiko aus Teil 3.

Dwork (2006): Differential privacy. ICALP 2006 · Mühlhoff (2021): Predictive privacy. Ethics Inf. Technol. 23
Reserve 6

Und bei Umfragen? Stichprobe ist nicht Bevölkerung

Die zweite Lücke der k-Anonymität

Einmal in der Stichprobe, Gewicht 100: hundert Kandidaten in der Bevölkerung. Gewicht 1: auch im Land einzigartig.

Die Summe der Einzelrisiken ist die erwartete Zahl korrekt zugeordneter Personen – die Kennzahl von Folie 14.

Was das für die Praxis heisst

k-Anonymität zählt nur, was in der Datei steht. Bei Stichproben braucht das Risiko die Bevölkerung dahinter – belastbar, wenn die Schlüsselvariablen im Stichprobendesign vorkommen, sonst modelliert (Benedetti & Franconi 1998).

Bei Registern und Verwaltungsdaten entfällt die Frage: Die Datei ist die Bevölkerung.

Benedetti & Franconi (1998), NTTS · Templ (2017), Springer, Kap. 3
Reserve 7

Text ist nicht Tabelle: Akten, Entscheide, Berichte

Was anders ist

  • Keine Schlüsselhäufigkeit, die man zählen könnte. Die Methode ist Erkennen und Ersetzen: Namen, Orte, Daten, Fallnummern, Berufe.
  • Der Kontext bleibt: «der einzige Landwirt der Gemeinde mit einer Biogasanlage» braucht keinen Namen.
  • Was das Modell liest, sieht es. Keine Firewall wie bei Tabellen – also lokal betreiben oder als Auftragsbearbeitung regeln.

Was gleich bleibt

  • Das Szenario: Wer liest den Text, was weiss er schon, was kann er verknüpfen?
  • Messen statt behaupten: eine Stichprobe der Dokumente von Hand gegenprüfen, Erkennungsrate und Restrisiko berichten.
  • Auch ein sauber geschwärzter Text kann per Inferenz offenlegen – die vierte Karte von Folie 7.
Methodische Hinweise – keine eigene Studie von SwissAnon zu Textdaten
Reserve 8 · Ausblick

Woran wir gerade arbeiten

Längsschnitt- und Ereignisdaten

Mobilität · Ereignisdaten · klinische Studien.
Jede weitere Welle: eindeutiger.

Risiko über Record Linkage

Probabilistisch, bayesianisch · distanzbasiert.
Für Längsschnitte bisher kein brauchbares Mass.

Synthetische Bevölkerung im Verkehr

SynPop-Datensatz.
Verkehrsmodelle ohne echte Wege.

Risiko bei fehlenden Werten

NA im Schlüssel passt überall.
Häufigkeit mehrdeutig → über den rekonstruierenden Angreifer.

Optimale lokale Unterdrückung

kAnon(): heute heuristisch, künftig exakt
– über gemischt-ganzzahlige lineare Programme (MILP).

Weiter an beidem:
KI-gestützte Angriffe · KI als Anonymisierer.

SNF BRIDGE Discovery 40B2-0-211751 (mit Murat Sariyar, BFH) · SBB Research Fund, mit dem Bundesamt für Statistik · Templ & Meindl zum Risiko bei fehlenden Werten · SwissAnon, FHNW
Reserve 9

Hängt die Pareto-Front nicht von der Skalierung ab?

Ja und nein – und der Unterschied ist der Punkt. Die multivariate Front ist skalierungsinvariant: monotone Transformationen je Kennzahl ändern keine Dominanzbeziehung. Skalierungsabhängig ist erst die zusammengefasste Karte.

SkalierungPareto-optimal auf der zusammengefassten Karte
rohVerfahren 3, Verfahren 4
Min-MaxVerfahren 2, Verfahren 3, Verfahren 4
z-StandardisierungVerfahren 2, Verfahren 3

Das Paper sagt es selbst: die Dominanz wird auf den zusammengefassten Werten ausgewertet, nicht auf den rohen Vektoren. Deshalb gehört die gewählte Standardisierung in jeden Bericht – und deshalb keine Risikoschwelle auf eine zusammengesetzte Achse, sondern auf die Achse der einzelnen Kennzahl.

Thees, Müller & Templ (2026), Anhang B, Tab. 9
Reserve 10

Die Abbildung aus dem Paper

Abbildung 3 aus Thees, Müller und Templ: Composite-Risiko gegen
                     Composite-Nutzen mit Pareto-Front und Steigungen

Was hier anders ist als auf Reserve 3

Gezeichnet sind Einzelreplikate, nicht Mittelwerte, und die Achsen sind gewichtete Composites (ω, α) statt einfacher Mittel. Die Front und das Knie fallen gleich aus.

Die Steigungen an der Front

Jede Zahl an der Front ist ΔRisiko / ΔNutzen. Der letzte Schritt zum Original: 27.68 hier, 19.5 auf den einfachen Mitteln von Reserve 3.

Thees, Müller & Templ (2026), Beyond the trade-off curve, Abb. 3 · Journal of Official Statistics